Politik : Die Eine-Million-Dollar-Frage

Malte Lehming

Wenn es bei der Aufklärung eines Verbrechens heißt, es würde "jede Spur verfolgt, sämtlichen Hinweisen nachgegangen und keine Möglichkeit ausgeschlossen", dann ist eines sicher: Die Ermittler tappen im Dunkeln. Und so trat denn auch am Freitag in Washington ein spürbar frustrierter FBI-Chef vor die Presse und räumte in den beiden größten kriminalistischen Untersuchungen der US-Geschichte allgemeine Ratlosigkeit ein. Die Fahndung nach den Komplizen der Terroristen vom 11. September befindet sich ebenso in der Sackgasse wie die Suche nach den Adressaten der Briefe, die den Milzbrand-Erreger verbreiten. Weder gibt es Fingerabdrücke, noch Haarreste, Kleidungsfetzen oder anderes forensisches Material, mit dessen Hilfe sich zumindest eine DNA bestimmen ließe.

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Themenschwerpunkte: Krieg - Afghanistan - Bin Laden - Islam - Fahndung - Bio-Terrorismus
Fotostrecke: Der Krieg in Afghanistan Eindringlich appellierte Robert Mueller deshalb an alle Amerikaner und besonders an Mediziner und Wissenschaftler, ihren Detektivgeist zu aktivieren: "Sehen Sie sich die Handschrift auf den drei Briefen genau an, die mit dem Anthrax-Bakterium kontaminiert worden waren! Melden Sie uns jede verdächtige Person, die entweder in einem Labor oder zu Hause mit Krankheitserregern experimentiert!" Eine Million Dollar erhält derjenige, der den entscheidenden Hinweis gibt. Doch selbst diese Verlockung hat die Aufklärung keinen Deut vorangebracht. "Leider haben wir nicht so viele Tipps bekommen, wie wir uns gewünscht hätten", sagt Mueller. Außerdem seien beide Fälle sehr komplex.

Mehr als 1100 Personen wurden nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington bislang vom FBI verhört. Kein einziger davon wurde wegen des Verdachts auf Komplizenschaft verhaftet. Drei Männer, die in Untersuchungshaft sitzen, verweigern jede Stellungnahme, drei weitere Männer - Said Bahaji, Ramzi Binalshib und Zakariya Essabar - sind flüchtig. Sie waren angeblich ein Teil der Hamburger Al-Quaida-Terroristenzelle um Mohammed Atta, deren Mitglieder die Anschläge geplant hatten. Die Fahndung nach ihnen läuft.

Noch beängstigender jedoch sind die Milzbrand-Fälle. Drei Briefe mit dem Erreger - an Senator Thomas Daschle, den Fernsehsender NBC und die Zeitung "New York Post" - wurden identifiziert. 17 Menschen haben sich mit der Krankheit infiziert, vier sind gestorben. Wie aber kommt es, dass nahezu ein Dutzend Postämter, von Maryland und New Jersey bis Kansas City (Missouri), verseucht sind? Wie viele Milzbrandsporen sind eigentlich nötig, um eine Infektion auszulösen. Und gibt es, wofür immer mehr Indizien sprechen, so genannte Sekundärkontaminationen? Also Briefe, die andere Briefe "anstecken"? Auf alle diese Fragen gibt es keine eindeutigen Antworten. Vielleicht sind weitere Briefe im Umlauf oder werden regelmäßig in Umlauf gebracht. "Wir schließen nichts aus", sagt das FBI.

Unbeantwortet ist auch die Frage nach den Urhebern. Weder weiß man, ob die Briefe in Verbindung zu den Anschlägen vom 11. September stehen. Dafür sprechen der Zeitpunkt ihres Auftretens und die Begleitschreiben. Noch gibt es überzeugende Indizien für die Verwicklung eines ausländischen Staates. Gegen diese These spricht der Umstand, dass der Erreger nicht genetisch verändert wurde, um ihn gegen Antibiotika resistent zu machen. Die "New York Times" zitierte am Sonnabend einen Ermittlungsexperten mit den Worten: "Um ehrlich zu sein: Wir wissen fast nichts."

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