Politik : Die Einheit bleibt sein wichtigster Verdienst

Hermann Rudolph

Kein Zufall schon die Wahl des Ortes. Im Dietrich Bonhoeffer-Haus hinter dem Berliner Friedrichstadtpalast konstituierte sich vor gut zehn Jahren, unter dem Herrnhuter Adventsstern, der zentrale Runde Tisch in der DDR, der wesentlich dazu beitrug, den Weg zur deutschen Vereinigung zu ebnen. Im gleichen Saal fand am Donnerstag der Geburtstagsempfang für den Mann statt, der als letzter DDR-Ministerpräsident entscheidend daran beteiligt war, das sie gelang. Kein Staatsakt, eigentlich nur ein Empfang des Anwaltsbüros, dem Lothar de Maizière jetzt angehört, für seinen 60-jährigen Sozius. Aber Staatsworte sozusagen: Die Wiedervereinigung bleibe sein wichtigstes Verdienst, sagte kein Geringerer als Wolfgang Schäuble, "und wer das nicht im Gedächtnis behält, der schadet nur sich selbst, nicht de Maizière".

Bei jedem Empfang ist wichtig, wer da ist. Aber dann gibt es auch noch solche, bei denen fast noch wichtiger ist, wer nicht da ist - was sich allerdings wieder daraus ergibt, wer da war. Also nennen wir stellvertretend, andeutungsweise Richard von Weizsäcker, CDU-Generalsekretärin Angela Merkel, Egon Bahr, den alten SPD-Vor- und Querdenker; auch der brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm kam. Vor allem drängten sich viele, die in den Umbruchsjahren dabei waren, die man damals oft sah und jetzt seltener, Ex-Mitglieder des Kabinetts de Maizière, Mitstreiter und Mitarbeiter. Ein zarter Hauch Kanaans hing - wie es sich bei einem langjährigen Synodalen gehört - auch im Raum.

Und gut geredet wurde. Erst von Richard Schröder, seinerzeit als SPD-Fraktionsvorsitzender Partner des plötzlich Regierungschef gewordenen de Maizière. Er rühmte dessen besonderes Charisma, das darin bestanden habe, die vielen selbsterwählten Charismatiker der Volkskammer mit seiner Resolutheit zusammenzuhalten. Dann Schäuble, Mitaushändler des Einigungs-Vertrages und seither, wie er bekannte, Freund. Von allen Politikern habe de Maizière im Prozess der Wiedervereinigung die stärksten Lasten getragen. Und: Die CDU könne ruhig öfter daran denken, dass er einer ihrer herausragenden Politiker sei. Doch in den vergangenen Jahren habe er öfters nachhelfen müssen, dass de Maizière bei wichtigen Ereignissen überhaupt eingeladen werde.

199 Tage sollen es gewesen sein, in denen de Maiziere regiert hat. Es lag nahe, dass sie sich an diesem Vormittag in den Vordergrund drängten - immerhin waren es 199 Tage, die Deutschland veränderten. Der Gefeierte, bemüht, nicht etwa von Rührung übermannt zu werden, erinnerte nüchtern daran: 759 Vorlagen habe sein Kabinett behandelt, in rund fünf Monaten. Richard Schröder steuerte, als Geburtstagsgabe, sozusagen Gesteinsproben aus einem weltgeschichtlichen Beben bei: die letzte DDR-Münze, 1990 geprägt, und die letzten DDR-Briefmarken. Es waren die einzigen DDR-Briefmarken, die man nur mit West-Geld erwerben konnte und ihr Ausdruck lautet lapidar: Deutsche Post - so wie zuletzt zwischen 1945 und 1949, als Deutschland in Zonen geteilt, aber noch nicht getrennt war.

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