Politik : Die Einheit und das Lächeln (Glosse)

Gerd Appenzeller

Mit dem Pathos haben die Deutschen nicht mehr viel im Sinn. Auch daran hat der Umzug von Bonn nach Berlin nichts geändert. Selbst den Tag der deutschen Einheit begehen die Bundesbürger allenfalls ein bisschen staatstragend, aber auch dann eher heiter als gravitätisch. Und am Rande solcher Einheits-Anlässe führt der Blick auf die jüngste Geschichte sogar zu ironischen Brechungen.

Der frühere ungarische Aussenminister Gyula Horn, von der "Werkstatt Deutschland" als Redner nach Berlin eingeladen, genoss eine Stadtrundfahrt, zu der ihn die Gastgeber eingeladen hatten, mit stillem Triumph. Das Lächeln galt einer leeren Stelle auf dem früheren Marx-Engels-Platz, galt dem Gelände am Spreekanal, auf dem das frühere DDR-Aussenministerium gestanden hatte. Hatte, denn inzwischen ist es abgerissen worden, wegen Mangels an Bedarf. Wie schön, findet Horn jedes Mal wieder. Denn im August 1989 hatte ihn dort der DDR-Aussenminister Oskar Fischer angeschrieen: Wie er es habe wagen können, die ungarisch-österreichische Grenze zu öffnen! Verrat am Sozialismus sei das! Horn hatte damals entgegnet, er sei zunächst Europäer, und dann erst Sozialist.

Mit Blick auf die offiziellen Einheitsfeiern im fernen Wiesbaden amüsierte sich auch der einzige jemals frei gewählte (und letzte) Ministerpräsident der DDR, Lothar de Maizière: Als er und Richard (gemeint ist Richard Schröder, Fraktionsvorsitzender der SPD in der Volkskammer) die DDR am 3. Oktober 1990 "ordnungsgemäss abgeliefert" hätten, seien sie letztmals zu einem solchen Festakt eingeladen worden. De Maizière war bei Kohl in Ungnade gefallen. Und Ungnade scheint beständiger als Regierungen.

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