Die ewige Kanzlerin : Die Unlust am politischen Knalleffekt

Seit 1982 ist Deutschland von drei Kanzlern regiert worden, während Frankreich in derselben Zeit mehr als zwölf Premierminister verschlissen hat. Das hat auch mit dem Köpfen von Königen zu tun. Ein Kolumne

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Alles im Gleichgewicht, und sie in der Mitte: Angela Merkel, die ewige Kanzlerin.
Alles im Gleichgewicht, und sie in der Mitte: Angela Merkel, die ewige Kanzlerin.Foto: Reuters

Auf der anderen Seite des Zauns ist das Gras grundsätzlich grüner. Man beneidet die anderen um das, was man selbst nicht fertigbringt. Amüsiert habe ich beobachtet, wie fasziniert die Deutschen von Emmanuel Macron sind: Ein junger, ziemlich sympathischer Mann sprintete durch den Wahlkampf um die französische Präsidentschaft. Keine politische Partei hat ihn ins Rennen geschickt. Er will reformieren, Neues aufbauen, er will seinem Land Mut und Zuversicht zurückgeben. Unglaublich! ruft man in Deutschland und bekommt den Mund nicht mehr zu.

Bei uns hat man das Wort „Degagismus“ erfunden, mit dem man den kräftigen Fußtritt in das immergleiche Kegelspiel der Politiker bezeichnet, in Deutschland dagegen hält man es mit altbewährten Begriffen. Seit Monaten ist nur noch von „Stabilität“ und „Kontinuität“ die Rede. Bloß keine „Experimente“ in diesen unsicheren Zeiten. Anscheinend hat das Land den Wahlslogan aus der Ära Adenauer wieder aufleben lassen. Logische Folge: Man nimmt dieselbe Kanzlerin und fängt von vorne an. Seit 1982 ist das Land von genau drei Kanzlern regiert worden, während Frankreich in derselben Zeit mehr als ein Dutzend Premierminister verschlissen hat. Von ihrem festgewachsenen Podest aus sieht Angela Merkel zu, wie die französischen Präsidenten über den Vorplatz des Kanzleramts walzen. Wie viele von ihnen hat diese Frau nicht schon über den roten Teppich defilieren sehen, seit sie an der Macht ist! Chirac, Sarkozy, Hollande und jetzt Macron.

Unklarheit und Risiko widersprechen der Natur dieses Landes


Deutschland ist nicht das Land des politischen Knalleffekts. Hier wurde nie ein König geköpft. Und man wägt lange ab, bevor man einen Kanzler stürzt. Unklarheit und Risiko widersprechen der Natur dieses Landes. Und trotzdem. Wie viele Palastrevolten, heimlich angezettelte Coups, Koalitionsbrüche hat man aus den Kulissen verkündet, seit ich hier lebe. Ein beliebter Zeitvertreib bei Journalisten: Bei Gipfeltreffen sitzt man auf den Fluren herum und strickt phantastische Geschichten. Er hockt auf dem Schleudersitz! Sie macht es nicht mehr lange! Der Druck ist zu groß! Komplott! Verräter! Aber die deutsche Demokratie ist kein Roman. Bald verstummen die Gerüchte wieder, und das politische Leben nimmt seinen gewohnten Gang. Nichts ändert sich.

Sind die Deutschen wirklich so zufrieden mit ihrem Schicksal, dass sie sich bei jeder Wahl für dieselbe Kanzlerin entscheiden? Das könnte man glauben, wenn man sich an die Umfragekurven hält. So viel Beifall für die Deutschen von ihren weniger vermögenden Nachbarn jenseits des Rheins: Exportweltmeister, Cracks in der schwierigen Kunst des ausgeglichenen Haushalts und in dem noch schwierigeren Fach des Umgangs mit der Arbeitslosigkeit. Fast könnte man darüber die Stiefkinder des Erfolgs vergessen: die Minijobber, die Langzeitarbeitslosen, die Rentner unter der Armutsgrenze. Aber nein, der Lobgesang erschallt nur noch lauter: Ein US-Ranking hat Deutschland auf Platz 4 der „best countries in the world“ gewählt. Und die Krönung: Frankreich landet nur auf dem 9. Platz!

- Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke. Am 29. September um 20 Uhr liest Pascale Hugues aus ihrem neuen Buch „Deutschland à la française“ (Rowohlt) in der Löcknitz-Schule, Münchener Straße 37 in Berlin. Eintritt frei. Eine Veranstaltung vom Buchladen Bayerischer Platz.

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