• Die Fabel vom Fall der Mauer - materiell ist sie verscherbelt worden, in den Köpfen existiert sie weiter

Politik : Die Fabel vom Fall der Mauer - materiell ist sie verscherbelt worden, in den Köpfen existiert sie weiter

Nadja Klinger[Ost]

Ossis und Wessis, zehn Jahre danach: Wir haben uns unsere Geschichten erzählt, wir haben uns zusammen- und auseinander gesetzt. Und doch gibt es ein "Wir" noch immer nicht. Die einen sagen: na und? - die anderen rätseln: warum? Tagesspiegel-Autorinnen und Autoren aus beiden Teilen Berlins gehen der Frage nach, warum partout nicht alles zusammenwachsen will, was offiziell doch zusammengehört.

Wenn ich mich recht erinnere, ist im November 1989 die Mauer nicht gefallen. Es wurden lediglich die Grenzübergänge geöffnet. Dann sind WIR gekommen, von beiden Seiten, um mit Hämmern und Meißeln über den Steinwall herzufallen. WIR haben ihn zerstückelt und schließlich auf der ganzen Welt verscherbelt.

Vor Tagen habe ich jemanden kennengelernt, der einen Brocken von der Berliner Mauer besitzt. Er führte mich in seine Wohnung in Downtown Manhattan und legte mir das Stück Geschichte in die Hand. Ich fingerte an dem Beton, und er beobachtete mich dabei, wie ich es drehte und wendete und schließlich vor mich auf den Tisch stellte. "Alles klar", sagte er in diesem Augenblick, "Du bist aus dem Westen." - "Wie kommst Du darauf?", fragte ich. Er tippte sich mit dem Zeigefinger ans Köpfchen. "Du hast die bunte Seite in Deine Richtung gestellt."

Das war ein Trugschluss. Ich korrigierte ihn nicht. Denn seine Augen leuchteten. Er meinte zu wissen, woran er ist, und obendrein war er von ganz allein darauf gekommen. Selbstzufrieden reichte er mir seine Hand und bat mich, mit ihm auszugehen. Das konnte doch ein schöner Abend werden.

Natürlich ist es nicht leicht zu ertragen, dass man verkannt wird. Und Klischees stimmen nie. Manchmal so wenig, dass man aufschreien könnte: Falsch! Ich bin aus dem Osten! Manchmal streifen sie uns auch, die Klischees, mit ihren unangenehmen Seiten, wie ein kalter Wind. Das ist bitter, wo wir uns doch alle berechtigterweise für einmalig halten. Natürlich bin ich nicht gern als Westfrau mit einem Amerikaner essen gegangen. Aber es hat hervorragend geschmeckt. Und wir haben uns sehr gut unterhalten. Irgendwann war klar, dass ich das Mauerstückchen rein zufällig mit der Farbe zu mir gedreht hatte. Die Enttäuschung war auf seiner Seite.

Man sollte grundsätzlich abwarten und sich die Chancen auf einen schönen Abend lassen. Und jedem das Recht, sich endlich nicht mehr zu täuschen.

Warum ich das alles erzähle? Weil mir nichts weiter einfällt. Vielleicht gibt es Antworten auf die Frage, warum in Deutschland nicht zusammenwächst, was offiziell zusammengehört. Aber ich habe diese Antworten nicht. Ehrlich gesagt, habe ich nicht einmal die Frage. Ich bin eigentlich ganz gut zusammengewachsen. Meine persönlichen Ost-West-Beziehungen sind, wie andere Verhältnisse auch, nicht unbedingt von Verständnis geprägt. Viele Worte und Gesten sind so unpassend und so wahr wie ein Klischee. Ich lasse sie zu, versuche längst nicht mehr, alles zu ergründen. Zuweilen probiere ich mich an Erklärungen. Ob und wie sie ankommen, ist egal, ich rede so lange, bis ich mich selbst verstehe. Dann hocke ich mich in eine Ecke, sehe zu, wie andere sich irren - nur ich nicht: Denn ICH weiß, wer ich bin. Das reicht. Klischees helfen den Ost-West-Beziehungen lediglich auf die Sprünge, sind der Anfang eines Abends, Erkennungsmelodien. Es wäre doch schade, wenn gar keine Musik spielen würde.

Kollegen, Freunde, Westler, mir ist nach feiern. Ich feiere Wolfgang, der mich einst auf eine große, steife "Olympia 2000"-Party führte, wo ich beschloss, nie wieder auf derartigen Feiern herumzustehen, mir den Unterschied zwischen Sekt und Champagner aber genau zu merken.

Ich feiere Julia und Marek, die im Prenzlauer Berg unter uns wohnen, auch vergeblich mit Kohle gegen den Winter anheizen und noch weniger Geld haben als wir. Ich trinke auf Helmut, den linken Mittvierziger, mit dem ich in Toronto ein gemütliches Café entdeckte, in dem wir seine Vorurteile vom amerikanischen Kapitalismus besiegten.

Ich feiere Amet, die Theologie-Studentin, die sich auf unseren Ost-Parties hundertmal erklären musste und mir irgendwann auf einen verspannten Nacken die Hand auflegte, woraufhin mein wochenlanges Leiden verschwand - ohne dass wir uns das erklären konnten. Den Kollegen Harald feiere ich, dieses begnadete Exemplar, der, wie hier zu lesen war, von Kindesbeinen an keine Geheimnisse hatte.

Ich feiere Max, den Gewerkschafter, den ich, stark erkältet, von Treuhandbetrieb zu Treuhandbetrieb begleitete, um ein Porträt zu schreiben. Abends klopfte er an meine Tür, ein Fläschchen in der Hand und fragte: "Soll ich Ihnen die Brust einreiben?" Prost auf Stephan, der vor einem dreiviertel Jahr von München nach Berlin und damit ins wiedervereinigte Deutschland kam, und dem ich noch einen sehnlichen Wunsch zu erfüllen habe: ihn zu fragen, wie ER eigentlich gelebt hat.

Und ich feiere Bernd, der sich enorm fortgepflanzt hat, obwohl wir Ostler angeblich der vitalere Stamm sind, und der sich gleichzeitig sehr vital für die "Bonnwerdung" Berlins begeistern kann.

Jetzt, da Berlin Bonn wird, will es sich behaupten. Abgeordnete debattieren darüber, wie man die Mauer im Stadtbild wieder sichtbar machen kann. Es gibt Vereine, die die einstige Grenze wie Architekten auf Papier nachvollziehen, Stadtführer, die sich darauf spezialisiert haben "an ihr entlang zu laufen." Wir suchen die Mauer, die wir verscherbelt haben, um uns zu finden. Ein Glück, dass es sie wenigstens in den Köpfen noch gibt.

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