Politik : Die Fabrik Hamann hat keine Zwangsarbeiter eingesetzt

Johannes Metzler

Die Liste, die das American Jewish Committee (AJC) veröffentlichte, war beeindruckend: 257 Firmen, die während der Nazizeit Zwangsarbeiter eingesetzt haben sollen. Das Besondere an der Liste: Sie nennt Anschrift und Namen der heutigen Geschäftsführer dieser Firmen. Das AJC wollte so die Bedeutung des Entschädigungsfonds unterstreichen. Doch jetzt stellt sich heraus, dass die Liste in mindestens einem Fall fehlerhaft ist - der Berliner Schokoladenfabrikant Erich Hamann wurde zu unrecht verdächtigt. Das AJC gestand eine Verwechslung ein.

Die Organisation hatte sich bei ihren Recherchen offensichtlich auf eine Notiz des Internationalen Suchdienstes gestützt. Dort heißt es: "Fa. Hamann, Münchowstraße, 120 Pers." Pralinenhersteller Hamann hat jedoch unter dieser Adresse in Nikolassee nie eine Filiale unterhalten; das Stammhaus befand sich immer in der Brandenburgischen Straße in Wilmersdorf.

Nach Tagesspiegel-Informationen handelt es sich bei dem genannten Betrieb um den Berliner Bauunternehmer Max Hamann, der schon 1941 ein Baubüro in der Münchowstraße unterhielt. Um dies zu überprüfen, genügt ein Blick ins Amtliche Fernsprechbuch von damals. Dort sind beide Betriebe aufgeführt. Die Baufirma Hamann existiert heute nicht mehr - die Pralinenfirma schon.

Der Sohn des Firmengründers der Schokoladenfabrik und heutige Chef des Familienbetriebes, Gerhard Hamann, wehrte sich beim AJC gegen die Vorwürfe. In der Kriegszeit sei die Produktion auf Sparflamme betrieben worden, weil kein Kakao zur Verfügung stand. "Wie hätte man 120 Arbeiter beschäftigen sollen?", fragte er. Als Antwort erhielt er ein Schreiben der Rechtsanwälte des AJC. Diese bestehen darauf, dass nicht leichtfertig Parallelen zwischen Unternehmen der Nazizeit und heutigen Firmen gezogen worden seien: "In jedem Einzelfall wurde in genügendem Maße recherchiert, ob zwischen den Unternehmen eine Verbindung besteht oder nicht." Aber dann trat das AJC die Flucht nach vorne an: Es widerrief seinen Vorwurf.

Die Folgen des Irrtums sind noch nicht abzusehen. Der zu Unrecht verdächtigte Pralinenhersteller Gerhard Hamann aber ist sich sicher: "Damit ist die ganze Liste unglaubwürdig geworden."

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