Politik : Die Fehler aus Bosnien will der Westen vermeiden

CLAUDIA LEPPING

Die Wiederbelebung des Kosovo hat begonnen. Sie wollen sich nicht aufhalten lassen, die Hunderttausenden Vertriebenen, die sich von Mazedonien und Albanien aus auf den Weg nach Hause gemacht haben. Noch nie zuvor hat die Welt eine so umfassende und rasche Rückkehr von Flüchtlingen und Vertriebenen erlebt; auch nicht vor drei Jahren, nach dem Krieg in Bosnien-Herzegowina.

173 000 Menschen haben in nur drei Tagen die Grenzen zum Kosovo überquert; die vielfache Zahl Heimkehrer wird ihnen voraussichtlich jetzt folgen. Drei Jahre harrten dagegen 290 000 Bosnienflüchtlinge allein in Deutschland aus, bis sie unter der Androhung von Abschiebung den Heimweg antraten, antreten mußten.

Was ist anders seit Bosnien? Ist die Lehre aus Bosnien primär die Lehre aus einer falschen Flüchtlingspolitik? Daß fast eine Million Kosovaren in den Anrainerstaaten ihrer Heimat aufgefangen wurden, brachte die Regierungen von Mazedonien und Albanien an den Rand des Zusammenbruchs. Und bis heute ist nicht auszuschließen, daß diese Länder trotz finanzieller Hilfe durch den Westen noch lange mit jenen sozialen Spannungen zu kämpfen haben werden, die sich mit dem zeitweiligen Massenzuzug der Kosovo-Albaner verschärften. Dennoch war es richtig, die Vertriebenen an den Grenzen zum Kosovo unterzubringen. In den Kriegsnächten verfolgten sie die Nato-Jets am Himmel bei deren Angriffen auf serbische Ziele in ihrer Heimat; heute bedeutet für sie die Allianz Sicherheit bei der Heimkehr.

Die Motivation für den Neubeginn in Ruinen ist groß: Im Gegensatz zu Bosnien ist der Feind gegangen, außer der KFOR wird es keine bewaffneten Einheiten mehr geben. Die wenigen Serben, die nicht die Flucht vor KFOR und den Rückkehrern ergriffen, werden keine Bedrohung darstellen, vermutlich oft selbst schutzbedürftig sein. Die Kosovaren nehmen ihr Schicksal in die Hand: Warum im Flüchtlingslagerzelt bleiben, wenn es auch daheim neben der Ruine aufgeschlagen werden kann, bis das Haus wieder fertig ist? Und wer fertig ist, der hilft dem Nachbarn, wie der zuvor ihm geholfen hat.

Und da ist die internationale Gemeinschaft, die in Person der Vereinten Nationen Pate steht. Ein Protektorat soll den Weg von der Waffenruhe zum Frieden und von der Anarchie hin zu demokratischen und zivilgesellschaftlichen Strukturen ebnen. Ein ganzes Jahr haben die ins Exil verstreuten politischen Parteien nun Zeit, sich bis zu ersten wirklich freien Wahlen im Kosovo einzurichten. Die internationale Gemeinschaft wird darüber wachen, daß politischer Streit nicht in Gewalt umschlägt. Denn die Rivalität zwischen den Anhängern des gemäßigten Führers Rugova von der Demokratischen Liga Kosovos (LDK) und der Untergrundarmee UCK ist groß. Ursache dafür ist der Widerstand der UCK, ihren Machtanspruch aufzugeben. Der politische Flügel der UCK beansprucht die Führung der Kosovo-Albaner, ist jedoch im Gegensatz zur LDK nie demokratisch bestätigt worden. Die Forderung nach Unabhängigkeit von Belgrad ist die einzige Gemeinsamkeit zwischen LDK und UCK. Die Wahlen werden zeigen, ob die Kosovaren Rugova auf dem Weg zur Demokratie und Anbindung an den Westen folgen oder den politisch hitzköpfigen Kandidaten der UCK vertrauen. Im Taumel der Erleichterung über das Kriegsende ist heute im Kosovo alles eins: NATO, UCK, USA.

Der zivile Wiederaufbau scheint unter dem Schutzschild der UN-Protektoren also planbar und erfolgversprechend. Dorthin läßt sich gut zurückkehren.

Kosovo ist eben nicht Bosnien. Dort verhindern Serben bis heute die Rückkehr Hunderttausender Kroaten und Moslems in die bosnische Serbenrepublik, und unter den drei Volksgruppen gibt es wenig Interesse daran, gemeinsam einen intakten Staat auf die Beine zu stellen. Die internationale Gemeinschaft hat in Bosnien zwei Fehler begangen, die die ethnische Teilung besiegelt und die Flüchtlingsrückkehr gebremst haben: Zu spät hat sie ihrem Administrator Westendorp die notwendigen Vollmachten zur Umsetzung des Friedensabkommens gegeben, und: anwenden will dieser sie bis heute nicht. Ohne Sanktionen befürchten zu müssen, unterlaufen unverbesserliche Nationalisten den Dayton-Text. Noch heute können auch die in Deutschland lebenden Kroaten und Moslems kaum ruhigen Gewissens in die von Serben beanspruchte Region rückgeführt werden. Die Willkür nationalistischer Lokalfürsten ist nicht der angemessene Rahmen für Versöhnung und Wiederaufbau. Diese Fehler wird der Westen im Kosovo nicht wiederholen. Die Weichen sind gestellt. Bosnien ist eben nicht Kosovo.

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