• Die feinen Unterschiede: Laut Protokoll ist nicht Barak, sondern Schewardnadse der erste "Staatsbesuch" seit dem Umzug

Politik : Die feinen Unterschiede: Laut Protokoll ist nicht Barak, sondern Schewardnadse der erste "Staatsbesuch" seit dem Umzug

Stephan-Andreas Casdorff

"Der erste Staatsbesuch in Berlin nach dem Umzug", jubilieren die Sender. Endlich erlebe die Hauptstadt den internationalen Verkehr! Und tatsächlich: Es kommen Wagenkolonnen mit Polizei-Eskorten - Ehud Barak ist zu Gast. Israels Regierungschef erweist uns die Ehre.

Nur absolviert Barak gar nicht den ersten Staatsbesuch. Der ist allein Staatsoberhäuptern vorbehalten. Wenn also Israels Präsident gekommen wäre, dann wäre es der erste Staatsbesuch. Was aber macht Barak dann hier? Er ist der erste Regierungschef, der der Republik in Berlin einen "offiziellen Besuch" abstattet.

Das Protokoll, wie der freundliche Herr im Auswärtigen Amt erklärt, sieht als höchste protokollarische Stufe für einen Regierungschef den offiziellen Besuch vor. Die zweite, niedrigere, ist der "Arbeitsbesuch". Den absolviert Barak nicht, was aber nicht heißt, dass er hier nicht arbeiten müsste. Einen Arbeitsbesuch hat im Übrigen noch keiner dem neuen Berlin abgestattet.

Aber wieder zum Staatsbesuch. Nach dem Umzug waren bereits zwei Staatspräsidenten im neuen Deutschland: der Albaner Rexhep Meidani und der Kirgise Askar Akajew. Allerdings machten auch sie keinen "Staatsbesuch", sondern einen Arbeits- oder auch "offiziellen Besuch". Bei Präsidenten ist der offizielle Besuch die zweite mögliche, protokollarisch niedrigere Stufe. Kurz: Einen Staatsbesuch hatten wir in Berlin nach dem Umzug noch nicht.

Wir werden ihn aber bald haben. Dann nämlich, wenn Mitte Oktober - nach den Feiern zur deutschen Einheit - der Staatspräsident Georgiens kommt, Eduard Schewardnadse. Der berühmte "Schewi", Freund Hans-Dietrich Genschers, ein großer Freund Deutschlands, der als Außenminister an der Seite Michail Gorbatschows die Einheit in den "Zwei-plus-Vier-Gesprächen" vom Traum zur Wirklichkeit werden ließ - ihm wird die Ehre des ersten "Staatsbesuchs" zuteil.

Woran wir nun einen richtigen Staatsbesuch erkennen? Der Diplomat im Auswärtigen Amt ist so freundlich, das zu erklären: Er umfasse zumeist fünf Tage und den Besuch in drei Städten, außerdem das volle protokollarische Programm mit allem Zeremoniell. Der Gast wird, wie es im Diplomatendeutsch heißt, von allen hohen und höchsten Damen und Herren "wahrgenommen". Und begrüßt vom Bundespräsidenten mit allen militärischen Ehren, denn "so unterschiedlich die Kulturen" auch seien, "jeder weiß dann, wer er ist".

Das klinge, sagt der freundliche Diplomat zum Abschied noch, "vielleicht etwas absurd, von außen betrachtet". Doch sei das Protokoll das "internationale Esperanto der Umgangsformen". Es bilde den "gemeinsamen Grund, der die inhaltliche Begegnung erleichtert".

Also, von außen betrachtet macht Ministerpräsident Baraks Besuch bei uns schon viel Staat.

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