Die Folgen des Terrors : Die Anschläge verlangen nach neuen Antworten

Mehr Prävention und Integration in Europa, mehr Druck auf die Paten des Terrors. In einer so schnell sich verändernden Welt kann nur bewahren, wer zu ändern bereit ist. Ein Kommentar.

Das Brandenburger Tor wird mit der Flagge Großbritanniens angestrahlt.
Das Brandenburger Tor wird mit der Flagge Großbritanniens angestrahlt.Foto: Christian Mang, Reuters

Nun sagen wieder alle, dass die Welt doch so sei, sich nicht ändere. Dass wir so bleiben müssen, wie wir sind, gelassen, der Freiheit verpflichtet, der Zivilität und der Bürgergesellschaft. Und alle, die jetzt so reden, haben ja recht.

Was bleibt denn auch angesichts all des Terrors. Es ändert sich doch nichts, wenn wir uns ändern, oder vielmehr: Wenn wir uns ändern, dann ändern nur wir uns. Zum Schlechteren. Nichts wendete sich zum Besseren. Wir können doch unsere Werte nicht aufgeben!

Aber nun ist die Welt binnen 48 Stunden doch eine andere geworden. Ob nah oder fern, der Terror und seine Ausläufer beschäftigen uns nicht nur, fordern nicht nur professionelle Bewältigung – es fällt uns alle an, was geschieht, geht uns plötzlich alle an, weil es sich auf so vielen Ebenen, auf so vielen Bühnen, auf so vielen Plätzen abspielt.

Aus der sorgenvollen Gesellschaft wird eine verunsicherte

Es ist ja nicht nur Manchester, das uns nahekommt, das uns in einem Konzert „One love“ nahebringt. Es ist kurz danach London, wo wieder ein Wagen zur Waffe wird und Unschuldige tötet und Feierstimmung in Trauerstimmung umschlägt, weil Irregeleitete, Fanatiker im Namen dessen töten, der sich in diesem Moment nicht gegen diese Vereinnahmung durch Wahnsinnige wehren kann.

Es ist doch noch mehr: Es ist auch „Rock am Ring“, das Musikfestival, das unterbrochen wird, wo dann tausende Betroffene auf Bildern zu sehen sind, wie sie friedlich abziehen. Es ist Turin, wo beim Public Viewing des Champions-League-Finales ein Knall reicht, um eine Massenpanik mit mehr als 1400 verletzten Fans auszulösen. Das alles trägt schon dazu bei, dass aus der sorgenvollen Gesellschaft eine verunsicherte wird – und damit eine der größten Herausforderungen der Politik dieses Jahrzehnts.

Zusammenlesen, was zusammengehört

Denn die Zeichen und die Ereignisse stehen so, dass man ihr Zusammenwirken nicht übersehen kann. Wenn die britische Premierministerin Theresa May sagt, „Enough is enough“ und damit meint, das Maß ist voll, jetzt reicht es – dann hat sie ebenso recht wie die, die dazu mahnen, dass wir bei uns bleiben sollen. Cool, gesammelt, der Gefahren bewusst, aber auch der für unser Zusammenleben, das sich doch nicht im Verdacht verlieren darf. Und dass wir uns nicht durch die, die den Verdacht schüren wollen, in unserer seelischen und intellektuellen Kraftanstrengung erschöpfen lassen dürfen, dem zu widerstehen, was von den Feinden der Freiheit erreicht werden soll: eine Überreaktion.

Reagieren aber muss die herausgeforderte Welt. Sie muss zusammenlesen, was zusammengehört, und sei es auf den ersten Blick entfernt. Dass, zum Beispiel, innerhalb dieser 48 Stunden auch noch die amerikanischen Verbündeten Saudi- Arabien, Bahrain, Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und der Jemen ihre diplomatischen Beziehungen zur Golfmonarchie Katar abgebrochen haben. Zu Katar, dem Land der übernächsten Fußball-Weltmeisterschaft. Und zwar deshalb, weil sie Katar unter anderem die Unterstützung von Terrorgruppen vorwerfen. Auch das gehört in die gegenwärtige Lagebeurteilung.

Den Versuch des "Grand Design" wagen

Dahinter nämlich steht eine Auseinandersetzung, die die ganze Welt betrifft: der mehrheitlich schiitische Iran gegen die sunnitischen arabischen Königshäuser am Persischen Golf, vor allem gegen die Saudis. Es geht um Einfluss und Vormacht in der Region und darüber hinaus; es wird Terror unterstützt, in den Konflikten im Irak, in Syrien und im Jemen auf jeweils unterschiedlichen Seiten. Und die Welt leidet mit.

Die 48 Stunden führen dazu, dass jetzt die Stunde derer kommen muss, die das zu großer Politik machen, was die Zivilgesellschaften erleben und durchleben. Wer den Fanatikern, den Irregeleiteten, den Wahnsinnigen, den Religiös-Radikalen begegnen, dabei aber genau nicht so handeln will wie der amtierende US-Präsident; wer keine Schwerttänze in Riad aufführen möchte, um Bündnisgenossen zu gewinnen; wer sich selbst und seinen Werten treu bleiben will – der muss den Versuch des „Grand Design“ wagen.

Das richtige Maß zwischen Freiheit und Kontrolle

Dasitzen und begütigen, besänftigen, beruhigen ist keine Strategie und wird auch keine mehr. Jetzt müssen die Staatenlenker in der sogenannten westlichen Welt sich selbst Rechenschaft ablegen, was sie zu leisten willens und in der Lage sind. Gerade wer die Fanatiker ausgrenzen will, muss in Europa Integration fördern, ganz praktisch, mit allem, was dazugehört, mit Jobs, Sprachkursen, Wohnraum. Das kostet Geld, viel mehr Geld als bisher. Wer das Feld nicht den Extremisten, Islamisten, Salafisten überlassen will, muss das Dunkelfeld im Internet besser überwachen. Dafür braucht es mehr als ein paar Cybersoldaten. Und auch das kostet – Geld. Verdächtige Moscheen zu überwachen, Verdächtige überhaupt zu überwachen, kostet. Nicht nur Geld und Personal, sondern auch die Kraft, das richtige Maß zwischen Freiheit und Kontrolle zu finden und dieses Maß auch administrativ-legislativ zu regeln. Dann die Prävention: mehr davon, viel mehr. Es gibt viel zu wenige Psychologen, Sozialarbeiter, Polizisten, die dafür ausgebildet wären. Und das nach all den Jahren, die diese Herausforderung schon andauert.

Politiker müssen handeln

Genug ist genug, sagt May, und sie hat recht. Das gilt dann aber auch im Umgang mit denen, die Terror und seine Ideologie weltweit finanzieren. Sie sind bekannt. Wandel durch Handel – geht diese Rechnung auf? Die Fragen stellen sich drängender denn je. Wer nicht will, dass die, die mit Macht zu Radikalität drängen, sich durchsetzen, muss schneller antworten als bisher. Sonst kommt nicht nur in den USA einer, der Einreisestopps verhängen will und damit Wahlen für sich entscheidet.

In einer so schnell sich verändernden Welt kann nur bewahren, wer zu ändern bereit ist. Wer nicht verändern will, wird auch das verlieren, was er bewahren möchte. Sätze, die fortzuschreiben sind – als Anleitung zum Neuen. Die Welt hat sich in den vergangenen 48 Stunden verändert, in Europa, im nahen Nahen Osten. Ruhe ist den Politikern nicht geschenkt. Ihr Auftrag ist Handeln. Fürs Leben, sicher und frei.

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