Politik : Die Frau der Mitte

Westerwelle setzt darauf, dass Ulrike Flach als neue FDP-Chefin in NRW die Landespartei eint

Robert Birnbaum

„Wir alle haben Möllemann viel zu verdanken“, hat Ulrike Flach noch am Montagmittag gesagt. Ein paar Stunden später hat sich der Satz jedenfalls für die Vizechefin der nordrhein-westfälischen FDP bewahrheitet. Dass die 51-jährige Stellvertreterin dem abservierten Vorsitzenden an die Spitze des Landesverbands folgen soll und nicht ihr Mit-Vize Andreas Pinkwart, verdankt sie nämlich eben jenem Jürgen W. Möllemann. Genauer gesagt ihrer langen – manche sagen: allzu langen – Treue zu Möllemann. Denn genau das hat den Bundesparteichef Guido Westerwelle bewogen, sie für das Spitzenamt vorzuschlagen – ein Vorschlag, dem der NRW-Landesvorstand am Montagabend einstimmig folgte. Am 10. November soll ein Landesparteitag sie wählen und Pinkwart zum Trost in die Riege der Vize-Bundesvorsitzenden aufrücken. Der Platz ist durch Möllemanns Rückzug ebenfalls frei geworden.

Dass Westerwelle die Bundestagsabgeordnete Flach dem Landespolitiker Pinkwart vorzog und mit beiden noch vor der Vorstandssitzung das Paket schnürte, hat wenig mit den persönlichen Vorlieben des FDP-Chefs zu tun. Wäre es danach gegangen, wäre wohl eher Pinkwart seine Wahl gewesen. Der Professor aus Siegen hatte schließlich vor dem Sonderparteitag in Wesel, der dann wegen Möllemanns Krankenhausaufenthalt ausfiel, Mut bewiesen und sich als Gegenkandidat zu Möllemann zur Verfügung gestellt. Flach brachte sich allerdings schon damals als Kompromiss-Kandidatin ins Gespräch, die bei einem Patt zwischen Amtsinhaber und Herausforderer das Zeug dazu haben könnte, Möllemannianer und Möllemann-Gegner in der Landespartei gleichermaßen zu vertreten.

Genau diese Eigenschaft macht sie jetzt in Westerwelles Augen zur Idealbesetzung. Denn Möllemann mag im Kranken-Exil auf Gran Canaria sein, seiner Ämter ledig und auch seiner Mandate nicht mehr froh – Bundestagsfraktionschef Wolfgang Gerhardt hat am Dienstag ausdrücklich den Ausschluss des Abgeordneten M. aus der Fraktion ins Gespräch gebracht, falls der sein Mandat nicht von sich aus zurückgebe. Aber wie Flach sehen sich viele in der NRW-FDP in der Schuld des Ex-Vorsitzenden. Zwar ist die Zahl der bekennenden Möllemann-Fans rapide im Abnehmen begriffen. Aber Westerwelle musste fürchten, dass ein Kandidat Pinkwart von den heimlichen Möllemannianern als Berliner Diktat gewertet und nicht gewählt würde. Darum also Flach.

Dass sie im ersten Antisemitismus-Streit um Möllemann im Frühjahr intern die Position des Landesvorsitzenden nicht unterstützt hat, macht sie für das ihr jetzt zugedachte Amt zusätzlich tauglich. Flach hat sich prompt als „Kandidatin der Mitte“ bezeichnet, die den „tief zerrissenen“ größten Landesverband wieder zu einen versprach. Das dafür erforderliche Selbstbewusstsein hat die Diplom-Übersetzerin aus der Stahlstadt Oberhausen zweifellos. Sie wäre zwar erklärtermaßen gern größer als die 1,62 Meter, die sie misst, aber ihr forsches Auftreten und ihre Schlagfertigkeit machen ihre Körpergröße ohnehin rasch vergessen. Im Bundestag ist sie in der vorigen – ihrer ersten – Legislaturperiode als Gentechnik-Spezialistin der FDP mit einer dezidiert forschungsfreundlichen Position hervorgetreten. Vorher war sie vor allem landes- und – in ihrer Heimat Mülheim – kommunalpolitisch tätig. Dass in der Ruhrgebietsstadt die SPD mit der FDP ein Rathaus-Bündnis einging, hat sie als Kreisvorsitzende eingefädelt; auch in der koalitionspolitischen Unbefangenheit steht sie also in Kontinuität zu Möllemann. Ansonsten aber ist sie seit Dienstag sehr weit auf Distanz: Sollten sich die Spenden-Vorwürfe bestätigen und Möllemann weiter dazu schweigen, werde ihn die Partei selbstverständlich ausschließen.

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