Politik : Die Freiheit der Einsamen

Von Tissy Bruns

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Hat Angela Merkel ihren Generalsekretär zu lange im Amt gehalten? Schon am Montag war klar, dass Laurenz Meyer untragbar geworden war, erst recht für eine Partei, die in fünf Monaten einen strategischen Wahlsieg anpeilt. Untragbar aber auch für eine CDUVorsitzende, für die das Ergebnis in Nordrhein-Westfalen ein Meilenstein auf dem Weg zur Kanzlerkandidatur ist. Man darf der machterfahrenen Parteichefin unterstellen, dass sie keineswegs geneigt war, dem rot-grünen Lager in diesem Wahlkampf die Trumpfkarte Meyer in die Hand zu geben. Das wäre nicht nur für die Chancen der CDU unverantwortlich gewesen, es hätte zudem bedeutet, dass Merkel vorab und freiwillig die Verantwortung für eine absehbare Niederlage übernimmt. Das ist nicht ihre Art.

Meyer ging aber erst zwei Tage später. Für den Wahlkampf an Rhein und Ruhr bedeuten sie nicht viel; dort kam es darauf an, dass die peinliche Personalie vor Weihnachten geklärt wurde. Für das Urteil über die CDU-Vorsitzende machen diese zwei Tage allerdings den kleinen Unterschied, und wie man weiß, ist der bedeutend. Wer am Montag geglaubt hat, sie wolle Meyer ernsthaft halten, wird an ihren Maßstäben zweifeln und muss sie für eine schlechte Kennerin ihrer eigenen Partei halten. Kurzum: eine schwache Vorsitzende. Plausibler ist die zweite Lesart. Danach hat Merkel den vollen Druck der meuternden CDU auf den uneinsichtigen Meyer wirken lassen, damit die Parteibasis zur Vollstreckerin seines Rücktritts wird. Und nicht sie selbst, die nach dem Abgang von Friedrich Merz und Horst Seehofer als latent männermeuchelnde Chefin gilt, der ohnehin schon zu viel starkes Personal verloren gegangen ist. Kurzum: eine starke Vorsitzende, die sich berechnend durchsetzt.

Zu schwach, zu stark. Angela Merkel sind beide Etiketten wohl vertraut. Neu ist allenfalls, dass sie ihr gleichzeitig angeheftet werden. Unterm Strich: Wie sie’s auch macht, sie macht es falsch. Von der schwachen Vorsitzenden ohne inhaltliches Profil wurde Merkel übergangslos zur starken Chefin mit übergroßem Reformeifer. Und von da aus zu einer, die aus Machtkalkül faule Kompromisse schließt. Die CDU-Vorsitzende lebt mit übersteuerten Urteilen, seit sie Politikerin ist. Sie zählt nicht zu den Menschen, die sich davon beeindrucken lassen. Merkel hat auch gestern wieder bewiesen, dass sie daraus den Schluss zieht, einfach das zu tun, was sie für richtig hält. Wer es ohnehin immer ein bisschen „zu“ macht – zu lasch, zu radikal, zu kalt, zu kompromisslerisch – gewinnt die Freiheit der Einsamen.

Es gibt wenige Spitzenpolitiker, die den Kopf so kühl aus den Aufregungen des Tages heraushalten können wie Merkel und so kalkuliert in langen Zeiträumen denken. Oft mit Erfolg: Aus der Schlammschlacht um den Bundespräsidenten hat sie eine Koalitionsaussage mit nach Hause gebracht und einen Christdemokraten als ersten Repräsentanten des Landes durchgesetzt, der sich großer Beliebtheit erfreut. Nach Laurenz Meyer kommt Volker Kauder. Kein schwächerer Generalsekretär, sondern einer, der Zugewinn verspricht.

Doch hat das letzte Halbjahr in Merkels Gesicht tiefe Spuren hinterlassen. Nicht nur, weil die Union im Sommer den Traum von der absoluten Mehrheit träumen konnte und jetzt weder in Schleswig-Holstein noch in Nordrhein-Westfalen fest an den Sieg glauben kann. Die Nervenstärke der Angela Merkel hat eine problematische Kehrseite: Spitzenpolitiker brauchen gelegentlich oder oft die Freiheit zur einsamen Entscheidung. Aber das darf ihnen nicht ständig im Gesicht stehen. Von den Krisen, die Merkel meistert, bleiben nicht nur die Ergebnisse haften. Sondern auch die Botschaften und Eindrücke über die Eigenschaften der Politikerin, die Neugier und Fantasie der Bürger viel nachhaltiger beschäftigen als Sachthemen. Was ist das für ein Mensch, der mich regiert oder regieren will? Da zählen Tatkraft, Klugheit, Glaubwürdigkeit – und die Fähigkeit, Menschen um sich zu scharen. Um Merkel ist eine Leere entstanden, es scheint, als sei sie allein.

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