Politik : Die Freiheit des Spielers

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Von Lorenz Maroldt

Das Auffälligste an dieser Weltmeisterschaft sind die Frisuren. Kaum eine Mannschaft, in der nicht mindestens einer mit Irokesenschnitt aufläuft, mal aufgemalt, mal hochgestylt und manchmal sogar links und rechts ganz radikal zurechtrasiert. Außerhalb der nordamerikanischen Reservate waren solche Köpfe zum ersten Mal vor fünfundzwanzig Jahren aufgetaucht, als einige Punks der grauen Durchschnittsgesellschaft signalisieren wollten, dass sie sich auf dem Kriegspfad befinden.

Die meisten Fußball-Irokesen, die bei dieser Weltmeisterschaft spielen, wurden damals noch gewindelt, wenn sie überhaupt schon soweit waren, und anarchische Aufwallungen sind ihnen auch heute sehr fremd. Und doch ist es nicht nur modischer Retro-Avantgardismus, der da im Stadion zu sehen ist. Der wilde Streifen längs überm Schädel ist auch Ausdruck einer anderen Art von Fußballkultur – einer durchaus erwünschten, und vor allem: einer erfolgreichen.

Ist es Zufall, dass ausgerechnet Frankreich und Argentinien, die früh gestürzten Favoriten, keinen Irokesen in ihren Reihen hatten? Ist es ein Fußballwunder, dass der DFB seinen Indianer Christian Ziege nicht gleich wegen Verschandelung des deutschen Bildes nach Hause schickte, dass die deutsche Mannschaft nicht nur ohne Blutgrätsche, sondern sogar auch noch ohne autoritären Chef als Gruppenerster ins Achtelfinale stürmte? Hatten Japaner und Südkoreaner einfach nur Glück, als sie zum ersten Mal überhaupt bei einer Fußball-Weltmeisterschaft ein Spiel gewannen?

Bleiben wir noch einen Moment bei der Mannschaft von Rudi Völler, bevor wir uns um die Verlierer kümmern. Schauen wir auf die deutschen Tugenden, sprechen wir über: Spielwitz und Frechheit, Leidenschaft und Risikofreude, Bodenhaftung (was das eigene Können betrifft) und Flugbereitschaft (wie bei Kopfballtreffern von Klose).

Vergessen wir die alte Schellackplatte, auf der das Lied vom Glück des Tüchtigen kratzt, auf der man das Lob der germanischen Kampfkraft singt und die deutsche Überheblichkeit auf 78 Umdrehungen läuft. Was ist daran heute noch deutsch? Beklagt wird in Deutschland doch gerade mangelnde Tüchtigkeit, Verantwortungslosigkeit, Mutlosigkeit, fehlender Wille und Bequemlichkeit, jedenfalls dann, wenn von Politik und Gesellschaft die Rede ist. Angesehen ist heute, wer angenehm überrascht, egal ob durch die Schönheit eines erfolgreichen Gedankens oder die Schönheit eines erfolgreichen Passes. Das deutsche Spiel ist heute nicht deutscher als das Spiel anderer Mannschaften auch.

Was fehlt Argentinien und Frankreich, was haben Deutschland, Schweden und die Türkei? Gesunde Stars, sagen die einen, Glück die anderen. Beides stimmt. Aber das kann nicht alles erklären. Wie wäre es auch mit: Globalisierung? Exklusives Wissen und Können einiger „großer" Nationen gibt es im Fußball nicht mehr. Training und Taktik sind überall gleich und auf hohem Niveau. Aber was macht dann noch den Unterschied aus?

Wo die Systeme alle gleich funktionieren, wo die Zuordnung stimmt, wo die Ketten fest halten, entscheidet vor allem: Begeisterung, Leidenschaft und Phantasie. Nur so kann eine Mannschaft die Krisen überwinden, die ausgelöst werden durch Pech und Versagen, durch Verletzung oder Schlappheit eines ganz großen Stars. Die Türken, angetreten mit einem Irokesen, haben so ihren ersten Sieg bei einer Weltmeisterschaft seit fast fünfzig Jahren erzielt. Japaner und Südkoreaner, auch jeweils mit Irokesen, werden getragen von ihren enthusiastischen Fans. Die USA, einen Style-Indianer im Sturm, konnten sich mit ihrem Sieg über Portugal als Fußball-Land etablieren. Die Schweden, Außenseiter mit gleich zwei Irokesen im Team, waren in ihrer sehr starken Gruppe die Stärksten. Hier spielen Überraschung und Unberechenbarkeit mit, ausgehend von Spielern, die sich nicht einengen lassen, die sich berauschen, auch gern an sich selbst.

Und Italien, das zwar ganz ohne Irokesen, aber so mutig und mit Leidenschaft spielte und jetzt doch nur mit ganz knapper Not noch dabeibleiben darf? Italien hatte eben endlich mal Glück. Wie schön. Denn darauf hat, Gott sei Dank, kein Fan, kein Spieler und kein Trainer Einfluss. Und auch kein Haarschnitt.

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