Politik : Die Führung weiß von nichts. Oder will sie nichts wissen? (Kommentar)

cvm

Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit. Diese Regel hat Tschetschenien im Übermaß bestätigt, und die russischen Stellen haben mit ihren unkoordinierten Äußerungen unfreiwillig das meiste dazu beigetragen. Bevorzugt dementieren sie sich gegenseitig bei den Angaben über Opfer unter Zivilisten und Soldaten, über Flüchtlingszahlen, ja selbst über die Ziele des Feldzugs. Hieß es nicht anfangs, man wolle gar nicht nach Grosny? Zur Hochkonjunktur der Täuschung kommt jetzt ein weiterer Lügenfaktor hinzu, der auch westlichen Demokratien nicht unbekannt ist: Die letzten Tage vor Wahlen bringen immer neue Rekorde auf der nach unten offenen Ehrenwort-Skala. Was weiß die Führung von diesem Krieg? Er ist, erstens, populär, der Sympathiezuwachs des Premiers Putin würde erst gebrochen, wenn Zinksärge mit toten russischen Soldaten in größerer Zahl heimkehren, siehe den ersten Tschetschenienkrieg. Zweitens scheint der Westen - wenn auch spät - klargemacht zu haben, dass Russland mit Sanktionen rechnen muss, wenn es Grosny ohne Rücksicht auf die Zivilisten dort stürmt. Das ist das Hauptthema des G-8-Außenministertreffens heute in Berlin. Deshalb darf die Führung in Moskau, selbst wenn sie etwas wüsste, nichts wissen: weder vom Sturm auf Grosny noch von russischen Toten. Zumindest bis nach dem G-8-Treffen und nach der Dumawahl am Sonntag.

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