Politik : Die fünfte Gewalt

FUSSBALL-BUNDESLIGA

Sven Goldmann

Die Fußball-Bundesliga ist tot. Zum Rückrundenstart am Samstag wird sie noch ein wenig zucken. Aber spätestens im Sommer, pünktlich zum 40-jährigen Jubiläum, ist Schluss. Das Produkt Fußball ist nicht mehr gefragt, und deswegen werden die Fernsehsender auch nicht mehr die überteuerten Preise vergangener Jahre zahlen, die Klubs gehen reihenweise pleite.

Dieses Szenario entspricht dem Denkmuster, mit dem die Wirtschaftsmacht Fernsehen den Preis für das Produkt Bundesliga herunterzuhandeln versucht. Sat1 will künftig statt 80 Millionen Euro jährlich nur noch 50 Millionen zahlen und wähnt sich in einer guten Verhandlungsposition, weil kein weiterer Bieter auftritt. Das Gegenargument der Bundesliga ist – die Bundesliga. Die Klubs sind sich trotz der hektischen Diskussion der letzten Wochen sicher, dass die Sender mehr auf den Fußball angewiesen sind als umgekehrt. Sie haben Recht.

Fußball beschert stabile Quote. Ehrliche, ungekünstelte Unterhaltung. Alternativen wurden und werden genug getestet. Ob in ein paar Monaten noch gegenwärtig ist, wen Deutschland in diesem Winter zum Superstar kürt? Wer weiß noch, wer die erste Big-Brother-Staffel gewonnen hat? Das atemberaubende Bundesligafinale von 2001 zwischen Schalke und Bayern München aber wird noch in Jahren jeder rezitieren, der es vor dem Schirm verfolgt hat.

Die Zuschauerzahlen in den Stadien sind so hoch wie lange nicht, die Werbeeinnahmen steigen. Wo gibt es das sonst? Das Produkt Bundesliga ist gefragter denn je. Dass es zu teuer geworden ist für eine kriselnde Branche, kann den Klubs kaum angelastet werden. Sat 1 hat die gewaltigen Aufwendungen für die Bundesliga-Rechte nicht refinanzieren können. Doch zum einen hat niemand den Sender zum Erwerb gezwungen, zum anderen: Was wäre denn Sat 1 ohne die Bundesliga, ohne den Quoten-Garanten „ran"? Kirch ist nicht wegen, sondern trotz Fußball Pleite gegangen. Diese Einsicht hat dem Premiere-Sanierer Kofler zu seinem bemerkenswerten Erfolg verholfen. Kofler hat beim Fußball nicht gespart, sondern weiter ausgebaut. Die Zahl der Abonnenten steigt. Premiere wird bald schwarze Zahlen schreiben.

Fußball lebt, weil er unabhängig ist. Unabhängig von den Medien und unabhängig von der Politik. Jahrelang hat sich die These gehalten, erfolgreicher Fußball sei eine Folgeerscheinung visionärer Staatskunst. Das mag für die ersten Regierungsjahre Willy Brandts durchaus zutreffen – aber heute? Die Bundesregierung ist nicht sonderlich erfolgreich. Dennoch ist die deutsche Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft auf Platz zwei gestürmt. Es ist die Politik, die versucht, von diesen Erfolgen zu profitieren. Die Akquise der Weltmeisterschaft 2006 zählt zu den wenigen Glanzlichtern in der ersten Legislaturperiode von Rot-Grün. Und die Vorfreude auf dieses Großereignis gehört zu dem wenigen, was wirklich Lust macht auf Zukunft in diesem Land.

Die Medien gelten als vierte Gewalt im Staat. Fußball ist die fünfte: stark, selbstbewusst und resistent gegen Willkür und Einfluss von außen. Das Bemerkenswerte an der Kirch-Krise war ja, dass trotz millionenschwerer Einnahmeverluste keines der 36 Unternehmen der Ersten und Zweiten Bundesliga Konkurs angemeldet hat. Den Fall des größenwahnsinnigen Provinzklubs 1. FC Kaiserslautern, der sich verhoben hat im Wettstreit mit der Hochfinanz – diesen Fall wird der Markt regeln: sportlich über den Abstieg oder wirtschaftlich über das Lizenzierungsverfahren. Auch das spricht für die Bundesliga. Dieses Produkt hat seinen Preis. Das Fernsehen wird ihn zahlen.

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