Politik : Die ganze Nacht am Radio

CHRISTOPH STOLLOWSKY

BERLIN .Kein Schlaf in der Nacht, kein Durchkommen nach Bagdad am Telefon, kein Lebenszeichen von der Familie im Irak, die seit den Luftangriffen auf ihr Land in Lebensgefahr schwebt: Imad Abbed, Lkw- und Baumaschinenhändler in Tempelhof, kam gestern früh so müde und angespannt wie selten ins Büro.Seine Eltern, Geschwister, Onkel und Tanten leben in der irakischen Hauptstadt, und Imad Abbed hat Angst um sie.Deshalb sitzt er jetzt ständig am Radio in seiner Firma an der Gottlieb-Dunkel-Straße und hört über Satellit arabische Nachrichten."Die sind besser informiert als deutsche Sender", sagt er - und springt von einer Frequenz zur anderen.

Daß Imad Abbed keine freie Telefonleitung in den Irak bekommt, ist verständlich.Er bangt nicht als einziger um seine Angehörigen.Allein nach dem vergangenen Golfkrieg vor sieben Jahren emigrierten mehr als eine halbe Million Iraker ins Ausland, einige hundert kamen damals nach Berlin.Insgesamt leben in der Stadt heute etwa 2000 bis 3000 Menschen aus dem Irak, unter ihnen auch viele kurdische Flüchtlinge."Es sind überwiegend gut ausgebildete Leute", sagt Haroun Sweis, Redakteur für arabische Sendungen beim SFB Radio "Multikulti", selbst Jordanier.

Den jüngsten Militärschlag gegen ihr Land lehnen offenbar viele ab - egal, ob sie Kurden sind, oppositionelle Iraker oder dem Regime nahestehen.Der 41jährige Imad Abbed, seit 17 Jahren mit Frau und Kindern in Berlin, bringt auf den Punkt, was nach seinen Worten auch etliche seiner Freunde denken."Es geht doch alleine um Geld und Macht", sagt er."Rund 10 000 Tote unter der Bevölkerung haben die USA schon im voraus einkalkuliert.Ist das nicht zynisch?" Anstatt den Konflikt auf zivilisierte Weise zu lösen, würden Menschen umgebracht.

"Ohnmächtig" fühlt sich auch Ibrahim Salah, Techniker aus Reinickendorf und seit mehr als zwanzig Jahren in Berlin.Er steht in Opposition zum Diktator in Bagdad, doch die Bomben verurteilt auch er: "Darunter leidet nur das Volk".Er denkt dabei an seine Angehörigen in Bagdad, einst mittelständische Unternehmer, aber heute durch Krieg und Embargo in die Armut geraten, weshalb Salah sie aus Berlin unterstützt."Es gibt keine Ersatzteile und keine Aufträge", erzählt der 36jährige."Viele Fachleute sind emigriert." Am liebsten sähe er auch seine Eltern und Geschwister in Berlin, doch sie leben in Bagdad und sind nun "den USA ausgeliefert".Die wollten Saddam Hussein gar nicht beseitigen, sondern nur wirtschaftlich schwächen, meint Salah.Denn nur der Diktator garantiere den Zusammenhalt des Landes."Was nach ihm kommt, weiß niemand.Dafür ist die Opposition zu zerstritten".

Ähnlich sieht das auch Bahjat Hiwa, ein Kurde aus dem Irak.Vor 35 Jahren zog er zum Studium nach Ost-Berlin, heiratete, arbeitete als Rundfunkjournalist und blieb in der DDR.Heute ist er pensioniert und hilft hin und wieder im "Beratungs- und Begegnungszentrum für arabische Emigranten" aus.Erst vor einem Monat war er in Kurdistan und sah, daß Gewalt wenig erreicht."Mit einem solchen Angriff kann man das Regime nicht beseitigen."

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