Politik : Die Gastarbeiter der Stasi

Studie: Fünf Prozent der West-IM waren Ausländer

Matthias Schlegel

Im internen Sprachgebrauch der Staatssicherheit hießen sie verächtlich „Fliegenfänger“: Ausländer, vor allem Türken, die aus West-Berlin in den Ostteil der Stadt einreisten, und auf die die Frauen nur so „flogen“. Immerhin kamen aus West-Berlin monatlich rund 6000 Türken zu Tagesaufenthalten nach Ost-Berlin. Auf viele Ost-Berlinerinnen übten die südländischen Männer einen besonderen Reiz aus – nicht nur wegen des Äußeren, sondern auch wegen der Verheißung, an ihrer Seite dem Ostmief zu entkommen.

Südländischer Charme

Um solchen Vorhaben rechtzeitig auf die Spur zu kommen, warb die Stasi unter West-Berliner Türken eine ganze Reihe inoffizieller Mitarbeiter an. Das geht aus einer Studie hervor, die Georg Herbstritt, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, erarbeitet hat und die sich mit „Gastarbeitern“ beim Ministerium für Staatssicherheit befasst: West-IM ausländischer Herkunft.

Herbstritt geht davon aus, dass rund fünf Prozent der insgesamt etwa 3500 im Westen tätigen inoffiziellen Mitarbeiter Ausländer waren. Die Rekrutierung von Ausländern als IM in West-Berlin und der Bundesrepublik hatte freilich auch andere Gründe als die gefürchtete Wirkung südländischen Charmes. Stasi-Chef Erich Mielke machte aus seiner ausländerfeindlichen Grundeinstellung keinen Hehl: Gerade von West-Berlin aus könnten „viele asoziale und kriminell angefallene Ausländer“ bei Einreisen die Sicherheit der DDR gefährden, formulierte er schon Anfang der 70er Jahre.

Nach dem so genannten Ausländerbefehl von 1981 wurden dann verstärkt IM unter Ausländern in West-Berlin geworben. Damit sollten, wie Herbstritt schreibt, in der DDR lebende Ausländer vor Einflüssen ihrer im Westen lebenden Landsleute abgeschnitten sowie Nationalitätenkonflikte und andere Auseinandersetzungen unter diesen Bevölkerungsgruppen verhindert werden. Aber die ausländischen IM wurden auch zur Überwachung der DDR-Bevölkerung eingesetzt.

Furcht vor Anschlägen

Die Stasi war daran interessiert, über die IM Erkenntnisse über die politische Gesinnung der einreisenden Türken zu gewinnen. Denn die in West-Berlin ausgetragenen Konflikte islamischer sowie rechts- und linksextremistischer Gruppierungen wurden auch als Gefährdung für die DDR betrachtet. Zwar lebten im Osten Deutschlands nur 94 Türken, aber 40 000 Landsleute reisten über den DDR-Flughafen Schönefeld jährlich in ihre Heimat. Somit waren auch politisch motivierte Flugzeugentführungen nicht auszuschließen. Außerdem fürchtete man Anschläge auf die türkische Botschaft im Ostteil der Stadt und auf die in Leipzig residierende Zentrale der im Heimatland verbotenen Türkischen Kommunistischen Partei.

März 1981 standen 1200 in der Bundesrepublik wohnende Türken in den Fahndungslisten der MfS-Hauptabteilung VI – weil man sie beschuldigte, gegen DDR-Gesetze verstoßen zu haben oder extremistischen oder terroristischen Gruppen anzugehören.

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