Politik : Die Gattung Mensch - anfällig und unberechenbar (Hintergrund)

Bernd Matthies

Er ist ein wenig wunderlich geworden über all die Jahre. Unberechenbar, zu unmotivierter Gewalt neigend, anfällig für die seltsamsten Heilslehren. Aus dem ursprünglich simplen Wüstling, der für ein ordentliches Stück Fleisch jederzeit seine Großmutter in die nächste Schlucht gestürzt hätte, ist in der kurzen Zeit von nicht mehr als 40 000 Jahren ein ausdifferenzierter, subtiler Charakterdarsteller geworden, der für eine angemessene Summe Geld jederzeit seine Großmutter in die nächste Schlucht stürzen würde. Mehr noch: Er hat in dieser Zeit Methoden und Marotten ersonnen, die ihn über jeden anders gearteten Mitbewohner unseres Planeten stellen. Er kann nicht nur fliegen wie ein Vogel, sondern dabei gleichzeitig eine warme Mahlzeit einnehmen, er kann sich nicht nur tief unter dem Meeresspiegel fortbewegen wie ein Fisch, sondern dabei gleichzeitig die Jupitersinfonie hören und ein Pornoheft anschauen. In der sachlichen Sprache der Wissenschaft zusammengefasst ließe sich sagen, dass er das einzige Lebewesen ist, das in einer selbstgeschaffenen kulturellen Umwelt lebt. Seit einiger Zeit wäre aber wohl anzufügen, dass er als einziges Lebewesen darüber hinaus in der Lage ist, diese selbstgeschaffene Umwelt ohne fremde Hilfe wieder kaputt zu kriegen.

Der Mensch. Sich selbst nennt er die Krone der Schöpfung, was in Ordnung geht, sofern man von Kronen nicht allzu viel verlangt. Der objektive Sachverhalt gibt nicht einmal das her: Der Mensch besteht aus 60 Prozent Wasser, was ihn nicht vom Affen oder Hängebauchschwein unterscheidet, und auch die restlichen Zutaten wie Mineralien, Fette und Kohlehydrate reichen nicht aus, eine grundsätzliche Eigenständigkeit, womöglich Überlegenheit, zu begründen. Nach herrschender Meinung ist der kleine Unterschied im Gehirn angelegt, jenem eigenartigen Organ, das ihm die Sammlung und Auswertung von Informationen in nahezu beliebiger Menge ermöglicht; es ist in seiner Größe die Voraussetzung dafür, dass der Mensch sich nicht von seinen niederen Instinkten steuern lässt wie all die anderen Burschen im Dschungel, sondern zunächst eine Konferenz einberuft, nach deren Ende dann alle Teilnehmer machen, was ihnen gerade so durch den Kopf schießt.

Insgesamt macht es die Population von sechs Milliarden Stück ziemlich schwer, eine Prognose darüber zu treffen, ob der Mensch auch die nächsten 40 000 Jahre unter uns sein wird oder seine dominierende Rolle auf der Welt an weniger komplexe, dafür aber beständigere Lebewesen wie Ratten oder Saatkrähen abgeben muss. Gegenwärtig sieht es so aus, als sei sein Gefühl dafür gewachsen, dass es gefährlich sein könnte, alles, was plötzlich möglich ist, auch unbedingt zu machen. Eine Rakete bauen und nicht gleich auf den Mars flüchten, eine Atombombe konstruieren und sie nicht sofort auf den Nachbarstaat abwerfen - in dieser Richtung mag die Evolution des Menschen fortschreiten. Er könnte natürlich auch überhaupt keine Atombomben bauen, aber das tut ja auch der Pandabär. Und mit dem will sich der Mensch nun doch nicht auf eine Stufe stellen.

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