Politik : …die Gedanken zu frei sind

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So, das kennen wir hoffentlich doch noch: Einmal durchatmen, das Kreuz gerade, Luft holen, los geht’s – und nun alle gemeinsam, hey du, ja du dahinten in der letzten Reihe, du auch: „Die Gedanken sihind frei, wer kann sie erraten, sie fliegen vo-horbei, wie nächtliche Schatten.“

Schönes Lied. Singt man so was heute noch, in Pisas Zeiten? Ach, bestimmt nicht mehr. Ist ja alles so furchtbar modern geworden.

Es muss kurz nach ’68 gewesen sein, als der Song das erste Mal richtig über uns kam. Dritte Klasse, Volksschule, wie es damals noch hieß. Draußen tobte das Leben und drinnen unser Musiklehrer sich aus, ein Tenor: „Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen mit Pulver und Blei. Die Geda-hanken sind frei!“

„…mit Puffer und Brei“, haben wir spaßeshalber damals immer gesungen, als Akt des Widerstands war das gedacht, vorgetragen mit piepsigem Stimmchen, nun ja, zu unreif eben, den dem Text zugrunde liegenden Freigeist angemessen zu würdigen.

Schnell noch die zweite Strophe hinterher, mehr geht leider nicht, aus Platzgründen: „Ich denke, was ich will und was mich beglücket, doch alles in der Still’, und wie es sich schicket. Mein Wunsch, mein Begehren, kann niemand verwehren, es bleibet dabei: Die Geda-hanken sind frei!“

Ja, und leider sind wir damit auch schon mittendrin in der Neuzeit. Stimmt schon, die Gedanken sind sogar noch ein wenig freier geworden seitdem. Nur behält sie – „wie es sich schicket“ – kein Mensch mehr „in der Still“. Nein, lieber stellt er sie ins Internet. Da stehen sie dann rum, und manchmal werden sie sogar von anderen gelesen. Mittlerweile sind es schon wahnsinnig viele Gedanken. Die Menschen, die auf diese Weise ihre Gedanken freilassen, nennt man Blogger.

Jetzt hat’s den ersten von ihnen erwischt, weil er zu laut gedacht hat, Joe Gordon aus dem schottischen Edinburgh. Joe war immerhin elf Jahre bei der Firma Waterstone’s angestellt, nun ist er es nicht mehr. In seinen Blogs soll er sich despektierlich über seinen Arbeitgeber ausgelassen haben. Einmal, zum Beispiel, da hat Joe „Bastardstone’s“ geschrieben, wobei er allerdings Wert darauf legt, dass er das in seiner Freizeit getan hat. Na, was man eben in der Freizeit denkt, wenn’s am Arbeitsplatz mal nicht läuft.

Nun ist aber ganz schön was los in den schottischen Blogs. Die Blogger rufen nach Gedankenfreiheit, passend zum Schiller-Jahr. Aber irgendwie auch wieder zu spät für Joe Gordon aus Edinburgh. Oder was denken, bloggen Sie? Vbn

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