Politik : Die Gefühle der Kandidatin

Amerika rätselt, ob sie gespielt oder echt sind

Christoph von Marschall

Hillary Clinton und ihr Mann Bill stemmen sich bis zur letzten Minute gegen die drohende Wahlniederlage in New Hampshire. Bei Begegnungen mit Bürgern des kleinen Neuenglandstaats verweisen sie auf ihre lange politische Erfahrung; als Garantie gegen Abenteuer und das Risiko, einem jungen Mann wie Barack Obama das Schicksal der Weltmacht anzuvertrauen. Zwischendurch aber brechen Frustration, Müdigkeit und Ärger über den offenbar auch hier unaufhaltsamen Sieg Obamas durch. Die US-Medien nahmen ihre zweite Niederlage nach Iowa schon seit Montag wie ein Faktum – obwohl die Wahllokale in New Hampshire erst am Dienstagmorgen öffneten.

In dieser Atmosphäre werden Bill und Hillary doppelt kritisch beobachtet – ob sie sich eine Schwäche leisten, ob Resignation zu spüren ist. Indizien dafür werden groß herausgestellt. Wie Jagdhunde lauern Journalisten auf Hinweise, ob die Clintons ihre Kampagne ändern und deren Manager feuern. Vier Wochen bleiben. Am 5. Februar, „Super Tuesday“, stimmen 22 Bundesstaaten gleichzeitig ab, wer für die Demokraten im November antritt: Clinton oder Obama.

Was darf man hineinlesen in Bills Antwort auf die Frage eines Fans in Plymouth, wie sie den Trend noch umbiegen wollen? „Ich kann meine Frau nicht jünger, größer und männlicher machen.“ In der Altersgruppe unter 45 und bei Männern generell liegt Obama weit vor Clinton. Bei Frauen schneiden sie ungefähr gleich ab. Manche Medien wollen in Bills Aussage eine schädliche Bemerkung über Hillary sehen. Doch die Anwesenden lachen. Hier punktet Bill mit seinem Humor.

Dazu streitet das Land, ob Hillary in einem Moment mit feuchten Augen wahre Gefühle zeigte oder die Emotionen nur spielte. Bei einem Auftritt im „Café Espresso“ in Portsmouth fragt eine Frau in Hillarys Alter um die 60 – ihre verlässlichste Wählergruppe – besorgt, wie sie das alles eigentlich verkrafte: die Belastung, die Angriffe, die Enttäuschungen. Hillary weint nicht offen, aber ihre Stimme zittert leicht und ihr Augen bekommen einen unübersehbaren Glanz. „Es ist nicht leicht.“ Nun stützt sie das Kinn haltsuchend in die Hand – was sie sonst nie öffentlich tut – und schüttelt fast verzweifelt den Kopf. „Dieses Land hat so viele Chancen und gibt mir so viel. Ich möchte nicht, dass es zurückfällt.“

Die politische Analyse dahinter hatte sie in den Tagen zuvor ausgebreitet. Sie fürchtet, dass die Demokraten aus lauter Begeisterung für den glänzenden Redner am Ende Obama nominieren, der dann aber die Hauptwahl im November gegen die Republikaner verliert. Im CNN-Interview erklärt sie ihren Ausbruch so: „Ich habe Gefühle, auch wenn viele das bezweifeln. Ich bin einfach nicht gut darin, emotional über mich selbst zu reden. Aber mich bewegen die Schicksale der Menschen, denen ich hier begegne.“ In ihrer Kampagne heißt es, sie und Bill hätten sich auf die Niederlage in New Hampshire eingestellt und arbeiteten an einer neuen Strategie, um die Stimmung noch zu drehen. Christoph von Marschall

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