Politik : Die gefühlte Einheit

Die Stimmung in Ost und West belegt: Wir sind im neuen Deutschland angekommen – und vereint uneins

Matthias Schlegel

Berlin - Als vor ein paar Wochen die Wellen des Protestes auf Edmund Stoiber und Jörg Schönbohm nach deren abwertenden Bemerkungen über die Ostdeutschen niederprasselten, schien es, als seien neue Gräben zwischen Ost und West aufgebrochen. Die Debatte heizte die grassierende Unzufriedenheit mit der Situation 15 Jahre nach der Einheit zusätzlich an: im Osten den Ärger über fehlende Konzepte gegen die Arbeitslosigkeit, Abwanderung und die Verödung ganzer Landstriche; im Westen die Sorge, die Republik könnte sich überheben mit den Milliarden-Aufbauhilfen und damit auch ihre Besitzstände gefährden.

Doch der grundsätzlich positiven Einstellung der Menschen hüben wie drüben zur deutschen Einheit haben auch diese emotionalen Eruptionen nichts anhaben können. 84 Prozent der Bundesbürger – 82 Prozent im Westen und 91 Prozent im Osten – bezeichnen nach der jüngsten Umfrage der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen die Wiedervereinigung als richtig, nur für 14 Prozent (West: 15 Prozent; Ost: acht Prozent) war sie aus heutiger Sicht eine falsche Entscheidung. Diese Einschätzung ist in allen sozialen Gruppen nahezu gleich, und sie hat sich über die gesamte Dauer des Einigungsprozesses nicht wesentlich verändert.

Anders sieht es freilich aus, wenn nach den Gemeinsamkeiten gefragt wird: Da stellen 57 Prozent aller Deutschen – 54 Prozent im Westen und 66 Prozent im Osten – fest, dass zwischen Ost und West die Unterschiede überwiegen, nur 40 Prozent sehen ein Übergewicht an Gemeinsamkeiten. Doch müssen diese Werte nicht beunruhigen, schließlich registrieren 41 Prozent der Befragten auch zwischen dem Norden und dem Süden der Republik mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten – und das schon seit Jahren.

In seinen Untersuchungen zu den politischen Kulturen in Ost und West resümiert Oscar Gabriel, Professor an der Universität Stuttgart, dass es heute zwar in Ost wie West eine relativ breite Akzeptanz der Demokratie als Gesellschaftsmodell gebe. Doch seit 1990 sei die positive Einstellung dazu in den neuen Bundesländern tendenziell zurückgegangen, während sie in den alten gestiegen sei. Deutlich geringer fällt allerdings – vor allem im Osten – die Zustimmung zur realen, der erlebbaren Demokratie aus. Gleichwohl ist das Vertrauen der Neubundesbürger in die rechtsstaatlichen Institutionen seit 1990 kontinuierlich gestiegen, hat Gabriel festgestellt.

Einen anders klassifizierten Gegensatz bringen vor allem ehemalige DDR-Bürgerrechtler wie der ostdeutsche CDU-Bundestagsabgeordnete Arnold Vaatz immer wieder ins Gespräch: den zwischen Ost und Ost. Die Trennlinie im Osten, so Vaatz, verlaufe zwischen denen, die ihren Kinder erklären müssten, warum sie einst die dauerhafte Suspendierung von Demokratie akzeptiert oder gar unterstützt hätten, und denen, die das Fehlen der Demokratie immer beklagt und sich dagegen aufgelehnt hätten. Erstere, die die breite Gruppe der alten Eliten umfasst, hätten die deutsche Einheit als Besitzstandsaddition verstanden: Besitzstand Ost plus Besitzstand West. Mithin seien sie es auch gewesen, die die Latte der Erwartungen so unerreichbar hoch gelegt hätten. Zugleich seien aber die meisten von ihnen die eigentlichen Gewinner der Einheit – nicht die Unangepassten und die Opfer von damals.

Auch Gabriel sieht eine klare Trennlinie zwischen den subjektiven Wiedervereinigungsgewinnern und den subjektiven Wiedervereinigungsverlierern – wobei Letztere nicht immer die objektiven Verlierer seien, sondern sich eben nur als solche fühlten und artikulierten.

Bei der Gewinner-Verlierer-Frage registrieren die Mannheimer Demoskopen allerdings auch zwischen Ost und West erhebliche Differenzen: 54 Prozent der Westdeutschen meinen, die Ostdeutschen hätten eher von der Einheit profitiert. Im Osten selbst sind nur 18 Prozent dieser Meinung. Aber 35 Prozent der Ostdeutschen und nur sieben Prozent der Westdeutschen sehen die Bürger der alten Bundesländer als Gewinner der Einheit. Die gesamtdeutsche Sicht: 47 Prozent aller Bundesbürger halten die Ostdeutschen und nur 13 Prozent die Westdeutschen für die Gewinner der Einheit.

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