Politik : Die Gegner der Zivilisation

Jens Hacke

Heute sieht sich die Bundesrepublik an der Seite des Westens durch den Terrorismus aus dem Nahen und Mittleren Osten herausgefordert. Im ausgehenden 19. Jahrhundert, dem Zeitalter der "Massen", des Imperialismus und des Fortschritts, saßen die Gegner der Zivilisation noch im eigenen Land. In Deutschland bastelte eine extreme politische Rechte an geistigen Sprengsätzen, die nach 1933 explodieren sollten.

"Ordnungen der Ungleichheit" nennt der Hamburger Soziologe Stefan Breuer seine kenntnisreiche Untersuchung über die verzerrten Weltbilder der politischen Rechten vom Kaiserreich bis ins Dritte Reich. Ein Ensemble von Rechtsintellektuellen steht im Vordergrund, nicht die konservativen Machteliten in Politik und Wirtschaft. Hier geht es weniger um Bismarck oder Hindenburg, sondern eher um Richard Wagner und Oswald Spengler. Vom Sammelbegriff des Konservatismus nimmt Breuer mit guten Gründen Abschied - zu groß war der Traditionsbruch, den die industrielle Moderne bei den rechten Ideologen bewirkt hatte. Einst konservative Grundwerte wie Familie, Religion und Heimatverbundenheit hatten diesen Wandel nicht unbeschadet überstanden.

Breuer analysiert die Ideen der nachkonservativen "zweiten Rechten" anhand von Schlüsselbegriffen wie "Blut und Boden", Volk / Nation, politische Herrschaft, Wirtschaft, Bevölkerung, Kultur / Zivilisation und Antisemitismus. So unterschiedlich die Ansichten der Rechten in vielem waren, so einig präsentierten sie sich in ihren gemeinsamen Feindbildern: Westliche "Zivilisation", Liberalismus und Parlamentarismus wurden von ihnen leidenschaftlich bekämpft. Ihre Auflehnung gegen die Moderne war aber paradox; genuin moderne Phänomene wie der Nationalismus, das imperialistische Weltmachtstreben und der technische Fortschritt regten nämlich ihrerseits rechte Intellektuelle zu ausufernden Plänen an. Konzepte zur Gewinnung von Lebensraum, zu rassistischer Bevölkerungspolitik oder zur "gemeinwirtschaftlichen" Neuordnung vermischten technizistische Visionen und völkisch-rassistische Wahnsysteme.

Breuers Ideenanalyse setzt beim Leser einiges voraus. Bisweilen hätte man sich eine Ausleuchtung der historischen Zusammenhänge und zusätzliche Erläuterungen gewünscht. Seine Einbeziehung des Nationalsozialismus macht aber deutlich, wie eklektizistisch sich nationalsozialistische Ideologen aus dem Gemischtwarenladen der intellektuellen Rechten bedienten. Die Wirkungsmacht des Nationalsozialismus war allerdings nicht in erster Linie einer politischen Idee geschuldet, sondern beruhte auf Massenmobilisierung.

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