Politik : „Die Gentechnik spaltet die Menschheit“

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Einst haben Sie das „Ende der Geschichte“ verkündet. Wieso jetzt das „Ende des Menschen"?

Es gibt etwas, das die beiden Ideen verbindet. Von allen politischen Systemen ist die liberale Demokratie am ehesten mit der menschlichen Natur vereinbar. Daher war 1989/90 – der Triumph der liberalen Demokratie – ein Endpunkt. Wenn man indes eine Technologie zur Verfügung hat, die mächtig genug ist, um menschliches Verhalten zu prägen, bekommt man eine andere Politik. Die Gentechnik sorgt also dafür, dass es kein Ende der Geschichte geben kann.

Weil der neue Mensch kommt?

Alle utopischen Ideologien wollten einen neuen Menschen schaffen und dessen natürliche Bindungen zerstören. Das hat nie funktioniert. Auch deshalb, weil die Technologie so krude war: Umerziehung, Arbeitslager, Agitprop. Alle Versuche, den großen Sozialingenieur zu spielen, sind gefährlich.

Wo ist denn die böse Ideologie, die sich die neuen Techniken zunutze machen will?

Wir sind ja erst dabei, die Techniken zu entwickeln. Auch ohne Ideologie haben wir heute gesellschaftliche Moden, politische Korrektheiten, die zur Selektion führen können. Auch eine Wiedergeburt utopischer Ideologien ist immer möglich. Die alte Eugenik war eine zwanghafte des Staates; diesen Zentralismus haben Autoren wie Huxley und Orwell aufgegriffen. Die heutigen Gefahren gehen von Eltern oder Schulen aus. Falls die Gentechnik es Eliten gestattet, ihren Kindern genetische Vorteile zu verschaffen, könnte der Staat versuchen, sich am Eugenik-Spiel wieder zu beteiligen und zu versuchen, den Minderprivilegierten zu helfen.

Kein böser Masterplan, sondern die Summe gut gemeinter individueller Entscheidungen?

Ja, das stimmt. Schauen Sie sich die Geburten in Asien an. Die kulturelle Vorliebe für männlichen Nachwuchs gekoppelt mit Abtreibungen und billiger Ultraschall-Diagnostik führt zu einem riesigen Geburtenüberschuss bei Jungen. Das ist nicht gesund für die Gesellschaft als Ganzes.

Und bei uns im Westen?

In den USA bekommen mehrere Millionen Kinder, vor allem Jungen, das Medikament Ritalin. Es soll Zappelphilippe beruhigen. Doch Jungen waren noch nie dafür geschaffen, im Klassenzimmer stillzusitzen. Andere angeblich depressive oder passive Kinder bekommen das Mittel Prozac, ebenfalls auf Grund höchst subjektiver Diagnosen. Privatschulen bedrohen Schüler bereits mit dem Rauswurf, wenn die Eltern sie nicht medikamentös ruhig stellen. Das untergräbt jede traditionelle Vorstellung von Charakter, Individualität und moralischer Erziehung. Und es passt in einen allgemeinen Trend: Moderne Gesellschaften sind versucht, persönliche Verantwortung für ein ganzes Arsenal an Verhaltensweisen zu negieren. Menschliche Eigenheiten werden medizinische Probleme, die abstellbar sind.

Wie wollen Sie dagegensteuern?

Deutschland kann Atombomben bauen, tut es aber nicht. Warum sollten wir die Biotechnologie nicht ebenso regeln können?

Das wird aber nicht einfach.

Natürlich ist das schwierig. In Asien gelten grundlegend andere Vorstellungen von menschlichem Leben. In unseren westlichen Demokratien dagegen delegieren wir in komplizierten Fragen ein Stück der Entscheidungskompetenz an Experten.

Ist dagegen etwas einzuwenden?

Grundsätzlich nicht. Nur dürfen sich die gewählten Volksvertreter ihrer Verantwortung nicht entziehen. Im US-Kongress wird gerade über das Klonen gestritten, doch den meisten Abgeordneten wäre es am liebsten, sie bräuchten sich gar nicht festzulegen. Jedenfalls ist es gut, wenn Denker wie Habermas und Sloterdijk sich solchen Themen zuwenden, wenn es also eine breite gesellschaftliche Debatte gibt.

Sie fordern internationale Kontrolle. Wozu?

Sehen Sie sich die deutsche Stammzellen-Debatte an. Gerhard Schröder hat doch nur versucht, die nationalen Regeln zu umgehen, indem er den Stammzellen-Import erlaubt. Wäre man ehrlich, müsste man auf internationale Regulierung setzen. Mich stört es nicht, wenn Embryos bei der StammzellenForschung vernichtet werden. Es wäre aber falsch, aus einem fünf Monate alten Fötus Organe zu entnehmen oder ihn gar für die Forschung zu züchten. Wollen wir, dass ein Land wie China die Quelle des weltweiten Fötus-Forschungsmaterials wird? Wir brauchen ein internationales Kontrollgremium. Sonst wird eine Weltregion die Fabrikationsstätte für das, was wir für unethisch halten.

Wo lauert die größte Gefahr?

Bei Eingriffen in die Keimbahn. In Europa ist das verboten; in den USA sind viele Forschungsanträge in der Schwebe, weil dies unreguliert ist. In der Erziehung können Fehler passieren, aber die sind, im Prinzip, später revidierbar. Wenn wir Kinder nicht erziehen, sondern mit verändertem Genom in die Welt setzen, ist nichts mehr revidierbar. Die Manipulation von Emotion und Persönlichkeit birgt dabei das größte Risiko. Nehmen wir Aggression. Natürlich hat sie negative Seiten, aber sie ist vielleicht auch Quelle von Kreativität, Innovation und Widerstand gegen Unrecht. Eltern dürfen kein Recht haben, hier gentechnisch einzugreifen.

Sind Ritalin und Prozac für die Gesellschaft gefährlicher als Osama bin Laden und Al Qaida?

Nein. Ich schreibe über Gefahren der Zukunft. Deren Potenzial müssen wir unbedingt erkennen.

Sie schließen auch Gen-Kriege nicht aus. Übertreiben Sie da nicht?

Viele asiatische Länder drücken bei der Stammzellen-Forschung und beim Klonen aufs Gas, weil sie nicht dieselben ethischen Bedenken haben wie wir. Wenn sich solche Entwicklungen über Jahrzehnte verstärken, wird das sehr problematisch. Gekoppelt mit traditionellen außenpolitischen Differenzen kann so etwas Konflikte zwischen Ländern auslösen. Ob es Kriege geben wird, weiß ich nicht. Aber die Gentechnik wird innerhalb der Gesellschaften die Klassenunterschiede verstärken und den Abstand zwischen entwickelten Staaten und Entwicklungsländern vergrößern. Die Gentechnik wird ein Unterscheidungsmerkmal zwischen Gesellschaften werden. Im schlimmsten Fall droht der Zerfall der Menschheit in Unter-Spezies mit jeweils eigenem genetischen Pool.

Wie soll eine liberale Demokratie es Eltern verbieten, die bestmöglichen, gesündesten und intelligentesten Kinder zu haben?

Ich unterscheide zwischen therapeutischen Maßnahmen und Schritten zur angeblichen Verbesserung. Therapeutik ist in Ordnung. Verbesserung mittels Keimbahn-Eingriffen lehne ich strikt ab.

Vervollkommnung steht als Grundwert, als die „Suche nach Glück“, in der US-Verfassung!

Ja, aber als menschliches Streben, nicht als technologische Möglichkeit.

Das Gespräch führten Christian Böhme, Markus Feldenkirchen und Robert von Rimscha.

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