Die Geschichte : Georg Elser: Allein gegen Hitler

Die Nazis sind 1939 auf dem Höhepunkt der Macht, das Volk jubelt. Da beschließt Georg Elser, den gerade begonnenen Krieg zu beenden. Am 8. November will er Hitler töten – und scheitert um 13 Minuten.

Ernst Piper
Elser
Hitler-Attentäter Georg Elser in den 30er Jahren. -Archivfoto: dpa

Goebbels hatte Grund, froh zu sein: „Wäre die Kundgebung wie alle Jahre vorher programmgemäß durchgeführt worden, dann lebten wir alle nicht mehr.“ So notierte er am 9. November 1939 in sein Tagebuch. Am Abend vorher war um 21 Uhr 20 eine Bombe im Münchner Bürgerbräukeller direkt hinter dem Rednerpult explodiert. Aber Adolf Hitler war mit seiner Entourage bereits davongeeilt. Andere hätten das als Glück abgetan. Hitler sprach von der „Vorsehung“, die „mich mein Ziel erreichen lassen will“. Und sein Parteiorgan, der „Völkische Beobachter“ meldete in riesigen Lettern: „Die wundersame Errettung des Führers“.

Georg Elser hatte das Attentat lange geplant. Ein Jahr zuvor war er am 8. November erstmals nach München gefahren, um dabei zu sein, wenn Hitler mit 2000 bierseligen „alten Kämpfern“ der NSDAP die Erinnerung an den Marsch auf die Feldherrnhalle im Jahre 1923 zelebrierte. Elser mischte sich unter die Besucher, beobachtete das Schauspiel genau. Und war überzeugt: Der Bürgerbräukeller würde ein geeigneter Ort für ein Attentat auf Hitler sein.

Johann Georg Elser, wie er mit vollem Namen hieß, kam als ältestes von sechs Kindern am 4. Januar 1903 im württembergischen Hermaringen zur Welt. Er wuchs auf der schwäbischen Alb auf. Nachbarn und Verwandte beschrieben ihn als einen strebsamen und unauffälligen Jungen. Mit 16 Jahren begann er eine Tischlerlehre. Durch Fleiß und Kunstfertigkeit erwarb er sich bald Ansehen als Möbeltischler. Elser schloss sich der Holzarbeitergewerkschaft an, „weil man Mitglied dieses Verbandes sein sollte“. Solange es noch möglich war, wählte er die KPD, und er gehörte auch dem Rotfrontkämpferbund an.

Trotzdem war Elser nicht im engeren Sinne politisch engagiert. Er war weder Ideologe noch Agitator. Seine einzige Lektüre war die Bau- und Möbelschreinerzeitung. Er war musisch begabt, schloss sich einem Trachtenverein an und musizierte im Zitherclub Konstanz. Obwohl eher zurückhaltend, betonten seine Freunde und Arbeitskollegen übereinstimmend, er sei ein warmherziger Mensch gewesen. Und es mangelte ihm nicht an Frauenbekanntschaften.

Georg Elser war also kein besonders gebildeter Mensch. Aber während andere vom nationalen Wahnsinn infiziert wurden, ließ er sich nichts vormachen. Wenn im Radio eine Rede des „Führers“ übertragen wurde, verließ er das Haus. Den Hitlergruß verweigerte er. Im Herbst 1938 fasste Elser den Entschluss zum Attentat. Die Sudetenkrise hatte Europa an den Rand eines Krieges geführt, aber die Westmächte hatten einmal mehr vor Hitlers Entschlossenheit kapituliert und ihm auf Kosten der Tschechoslowakei einen weiteren Landgewinn zugestanden. In deutschen Offizierskreisen sah man die Kriegsgefahr, war sogar über Putschpläne diskutiert worden. Doch die Appeasementpolitik der Westmächte erlaubte es ihnen, sich abwartend zu verhalten – was ihrer Unentschlossenheit sehr entgegenkam.

Einer aber sah klar, was kommen würde, und hatte auch den Mut zum Handeln. Der Handwerker und Pazifist Georg Elser: „Ich stellte allein Betrachtungen an, wie man die Verhältnisse der Arbeiterschaft bessern und einen Krieg vermeiden könnte.“ So formulierte er es später, als die Gestapo ihn verhörte. Elser wusste, dass er durch sein Attentat den NS-Staat nicht würde aus den Angeln heben können. Gleichwohl setzte er sein Leben dafür ein, Hitler, Göring und Goebbels zu beseitigen: „Ich war davon überzeugt, dass der Nationalsozialismus die Macht in seinen Händen hatte und dass er diese nicht wieder hergeben werde. Ich war lediglich der Meinung, dass durch die Beseitigung der genannten drei Männer eine Mäßigung in der politischen Zielsetzung eintreten wird.“ Und er tat alles dafür, dieses Ziel zu erreichen.

In München spielte sich die Politik vor allem auf öffentlichen Versammlungen im Bierkeller ab. Der Bürgerbräukeller an der Rosenheimer Straße war einer der größten. Man konnte dort kommen und gehen, ohne kontrolliert zu werden. Elser sah, hier würde er nicht auffallen. Er beschloss, in die Säule hinter dem Rednerpult eine Bombe einzubauen, die dann explodieren sollte, wenn Hitler sprach. Die durch die Explosion zusammenbrechende Säule, so die Kalkulation, würde dann einen Teil der Decke und der Galerie auf das Pult stürzen lassen und den Redner mit großer Sicherheit töten.

In den Monaten nach seinem ersten Besuch im November 1938 verdingte Elser sich bei verschiedenen Firmen, um an Material zu kommen, und stahl systematisch Explosivstoffe, Zünder und andere Dinge, die er für seine Bombe brauchte. Vor allem aber experimentierte er mit einer Methode, mit Hilfe eines Uhrwerks Sprengstoff zur Explosion zu bringen. Und es gelang ihm, so den Zeitpunkt der Detonation auf mehrere Tage im Voraus exakt zu bestimmen.

Im August 1939 kündigte Georg Elser und zog nach München. Er setzte all seine Ersparnisse ein, lebte nur noch für seine Idee. Abend für Abend ging er in den Bürgerbräukeller, insgesamt mehr als 30 Mal. Er nahm dort eine einfache Mahlzeit ein, versteckte sich später auf der Galerie, wartete dort, bis der letzte Gast gegangen war und der Saal abgeschlossen wurde. Zuerst sägte Elser ein Stück der Vertäfelung an der Säule heraus und fertigte daraus eine rasch herausnehmbare Tür. Danach begann er, den Raum hinter dieser Türklappe auszuhöhlen. Das herausgekratzte Mauerwerk transportierte er am folgenden Tag, meistens gegen Mittag, wenn viel Betrieb war, in einem Köfferchen ab. Als nach vielen Nächten mühevoller Arbeit die Höhlung schließlich fertig war, wurde sie mit Stahlblech und einer Korkschicht ausgeschlagen. Das Stahlblech sollte die Höhle vor Nägeln schützen, mit denen Lampions und Dekorationen bei Tanzfesten befestigt wurden. Der Kork sollte das Ticken des Uhrwerks dämpfen.

Die Konstruktion des Zündmechanismus war eine Meisterleistung, wie auch die ermittelnden Kriminalbeamten später einräumen mussten. Georg Elser richtete nicht nur eines, sondern sogar zwei Uhrwerke so ein, dass sie zu einem festgesetzten Zeitpunkt über zwei unabhängige Übertragungsmechanismen drei Schlagbolzen auslösen, und so die Ladung zur Explosion bringen würden.

In der Nacht vom 1. zum 2. November 1939 baute Georg Elser die Sprengladung in den Pfeiler ein. Zwei Tage später wollte er die Uhrwerke einfügen, aber die Tür, die er benutzen wollte, um in den Saal zu kommen, war zu seiner Überraschung verschlossen. Am Tag darauf versuchte er es erneut und musste feststellen, dass die Aushöhlung zu klein war. Daraufhin nahm er die Uhren wieder mit und baute die Gehäuse um. Am 5. November kam er zurück. An diesem Abend gab es eine Tanzveranstaltung. Elser kaufte eine Eintrittskarte und versteckte sich wieder auf der Galerie. In dieser Nacht gelang der Einbau der Uhrwerke. Sie waren bereits auf 21 Uhr 20 am 8. November eingestellt. Aber Elser wollte ganz sichergehen. In der Nacht vom 7. auf den 8. November ließ er sich ein letztes Mal im Bürgerbräukeller einschließen, um die Einstellung der Uhren zu überprüfen. Alles war in bester Ordnung. Hitler konnte kommen.

Die Kundgebung vom 8. November 1939 war die erste seit dem deutschen Einmarsch in Polen. Gegenüber früheren Jahren war das Programm der Feierlichkeiten „in Hinblick auf den Kriegszustand“ reduziert worden. Der übliche Erinnerungsmarsch entfiel. Stattdessen waren lediglich Kranzniederlegungen an der Feldherrnhalle und an den sogenannten Ehrentempeln auf dem Königsplatz vorgesehen, wo die von der Polizei erschossenen Putschisten des Jahres 1923, die „Blutzeugen der Bewegung“, ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten. Aber die Hitler-Rede, der Höhepunkt der zweitägigen Feierlichkeiten, fand statt.

Doch wegen des bevorstehenden Frankreich-Feldzugs wollte Hitler möglichst in der Reichshauptstadt präsent sein. Er flog erst am Nachmittag des 8. November nach München. Die Wetterlage war unsicher und Hitlers Chefpilot Hans Baur befürchtete, Nebel könnte den Rückflug verzögern. Deshalb entschied Hitler, seinen Sonderzug zu nehmen und die Rückreise noch am selben Abend anzutreten: Planmäßige Abfahrt ab Hauptbahnhof um 21 Uhr 31. Hitler beschränkte seine Rede auf eine gute Stunde und begann nicht wie sonst zur historischen Stunde um 20 Uhr 30, sondern schon 30 Minuten früher. Um 21 Uhr 07 beendete er seinen Auftritt, damit der Sonderzug pünktlich abfahren konnte.

Um 21 Uhr 20 explodierte Georg Elsers Höllenmaschine, genau wie er es berechnet hatte. Der Festsaal versank in Schutt und Asche, doch Hitler bekam davon nichts mehr mit. Die Nachricht von dem Anschlag erreichte ihn erst in Nürnberg. Die Explosion hatte ein riesiges Loch in die Decke gerissen, durch das man den Himmel sehen konnte. Herabgestürzte Balken und Ziegel, zertrümmerte Tische und Stühle, zerschlagene Bierkrüge – alles lag durcheinander und war von einer dicken Schicht aus Kalk und Dreck überzogen. Elser hatte sprengtechnisch die günstigste Stelle gewählt. Zwei Längs- und ein Querträger, die weitere Träger stützten, waren aus ihrer Verankerung gerissen worden, die ganze Dachkonstruktion eingestürzt.

Drei Menschen waren sofort tot, fünf weitere starben im Krankenhaus. Außerdem gab es 63 Verletzte. Eines der acht Opfer war eine Aushilfskellnerin, die zufällig in der Nähe gestanden hatte, die anderen sieben waren nationalsozialistische Funktionäre. Wäre die Veranstaltung programmgemäß verlaufen, wären Hitler und die ihm nächststehenden Parteigrößen umgekommen. Die Aushilfskellnerin Maria Henle wäre nicht unter den Opfern gewesen, weil der Ausschank untersagt war, solange Hitler sprach. Elser hatte diese Umstände bei seinen Planungen bedacht. Dass der Zeitplan in letzter Minute geändert werden würde, konnte er nicht ahnen.

Sobald die Tat bekannt wurde, wucherten die Gerüchte. Viele glaubten an einen fingierten Anschlag zur Erhöhung von Hitlers Popularität. Am 11. November notierte Goebbels: „Bürgerbräu-Attentat noch immer große Weltsensation. London und Paris versuchen uns nach Muster Reichstagsbrand die Schuld zuzuschieben.“ Die Gerüchte erhielten auch dadurch Nahrung, dass Elser nicht vor Gericht gestellt wurde, sondern im KZ verschwand. Der wahre Grund dafür war, dass Hitler nach dem „Endsieg“ einen Schauprozess veranstalten wollte, am liebsten im besiegten London.

Georg Elser war am 8. November nach Konstanz gefahren. Dort wurde er um 20 Uhr 45, also noch vor dem Attentat, bei dem Versuch des illegalen Grenzübertritts verhaftet. Bereits am folgenden Tag war seine Verbindung zu dem Anschlag klar und Elser wurde nach München überführt, wo er tagelang verhört und brutal gefoltert wurde. Nach vier Tagen gestand er. Elser bestand aber darauf, er habe alles alleine gemacht. Durch die Fülle seiner technischen Detailkenntnisse gelang es ihm, die ermittelnden Kriminalbeamten davon zu überzeugen.

Adolf Hitler dagegen glaubte, dass der britische Geheimdienst hinter der Sache steckte. Hitler war tief enttäuscht, dass die Briten Deutschland den Krieg erklärt hatten. Seine Rede im Bürgerbräukeller war eine einzige Hasstirade gegen England gewesen. Da traf es sich günstig, dass es der SS am 9. November gelang, aus einem niederländischen Grenzort zwei britische Geheimagenten nach Deutschland zu entführen. Nach ausführlichen Verhören war bald klar, dass die beiden Agenten des Secret Intelligence Service nichts mit dem Münchner Attentat zu tun hatten, aber für das in der NS-Presse gezeichnete Bild der Tat taugten sie wunderbar. Am 21. November fügte Hitler diesem Bild noch eine weitere Farbe hinzu. Er ließ verbreiten, der britische Geheimdienst habe den Anschlag in Auftrag gegeben und finanziert.

Georg Elser wurde unterdessen weiter verhört. Erst als man ein über 100 Druckseiten umfassendes Geständnis aus ihm herausgeprügelt hatte, ließen Gestapo und Kriminalpolizei von ihm ab. Er kam ins Konzentrationslager Sachsenhausen, gegen Kriegsende dann nach Dachau. Am 5. April 1945, der nationalsozialistische „Endsieg“ war in weite Ferne gerückt, gab das Reichssicherheitshauptamt die Anweisung, Elser „in absolut unauffälliger Weise ... zu liquidieren“. Eigentlich sollte dies im Zuge eines Luftangriffs geschehen, aber die SS hatte in jenen Tagen andere Sorgen als die Vertuschung eines einzelnen Mordes. Als der Befehl am 9. April eintraf, wurde Elser sofort erschossen und seine Leiche verbrannt. Ein Grab bekam er nicht.

Der Reichskriminaldirektor Arthur Nebe, der die Sonderkommission Elser geleitet hatte, war nach Abschluss der Verhöre im Gespräch mit einem Kollegen zu einem sehr zutreffenden Urteil über Georg Elser gekommen: „Dieser Mann aus dem Volke liebte das einfache Volk; er legte mir leidenschaftlich und in simplen Sätzen dar, Krieg bedeute für die Massen aller Länder Hunger, Elend und millionenfachen Tod. Kein ‚Pazifist’ im üblichen Sinne, dachte er ganz primitiv: Hitler ist der Krieg, und wenn dieser Mann weg ist, dann gibt es Frieden ...“ Wie recht dieser Handwerker aus Hermaringen doch hatte und wie wenige seinem Beispiel gefolgt sind – das ist der Kern der deutschen Tragödie.

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