Politik : Die Geschichte von Jörg und Gregor (Gastkommentar)

Ewald König

Servus, Gregor" - "Tach, Jörg!" Mit viel Schulterklopfen und Augenzwinkern würde ein Treffen von FPÖ-Chef Haider und PDS-Galionsfigur Gysi ablaufen. Zwei Volkstribunen, intelligent, eloquent, telegen und geradezu unheimlich erfolgreich.

Beide sind begnadete Stimmenfänger: bei der Masse der Frustrierten und Zukurzgekommenen, die "denen da oben" eins auswischen wollen, ferner bei Teilen der jungen Schickeria sowie bei den jeweils unbelehrbaren Überzeugungstätern: den Altnazis im einen, den Altkommunisten im anderen Fall, die nicht eigens angesprochen werden müssen, sie wissen auch so, wohin sie gehören.

Wer meint, der FPÖ-Zugewinn vom vorangegangenen Sonntag sei ein Ruck nur nach rechts, der irrt. Forderungen nach Strompreis- und Mietsenkung sowie nach Einführung eines "Kinderschecks" könnten genauso gut aus dem PDS-Wahlkampf stammen. Jörg Haider ist bei Bedarf eben nicht nur Rechts-, sondern auch Linkspopulist. Ohne Hemmungen verspricht seine Partei hier das eine, da das nächste und dort das andere. Die Signale an den kleinen Mann sind angekommen: Er fühlt sich bei den smarten Demagogen konsequenter vertreten als in den klassischen Hochburgen der Sozialdemokratie.

Wie soll man umgehen mit dem Erfolg einer demagogischen Partei? Vergnügt ergötzen sich Jörg Haider wie Gregor Gysi an den Windungen, die um sie herum gedreht werden. Die Fragen, die sich Deutschland mit der PDS stellt, beschäftigen die Österreicher mit der FPÖ nicht minder. Soll man sie weiterhin ausgrenzen und damit schon jetzt ihren nächsten Wahlsieg programmieren? Oder soll man sie in die Regierungsverantwortung einbinden, um sie endlich "entzaubern" zu können?

Wie lässt sich beweisen, dass Österreich kein Naziland ist, ohne gleichzeitig Jörg Haider für seine früheren Sprüche zu exkulpieren? Sein Lob für die Beschäftigungspolitik des Dritten Reiches, seine Bezeichnung der Konzentrationslager als "Straflager" und seine Würdigung der angeblichen Tugenden der Waffen-SS bleiben an ihm haften, auch wenn er längst Kreide gefressen hat und solche "Sager" vermeiden wird.

Oder umgekehrt: Wie lässt sich Haider für seine Demagogie kritisieren, ohne gleich in Gefahr zu geraten, ganz Österreich als ausländerfeindlich und rechtsradikal zu diffamieren? Immerhin standen Ausländerthemen bei dieser Wahl gar nicht im Mittelpunkt. Das allein kann es also nicht gewesen sein, was so viele Österreicher zur Haider-Wahl trieb.

Wie lässt sich "dem Ausland", das Österreich als braunen Fleck in der europäischen Landkarte sieht, erklären, dass die leichtfertigen Pauschalverurteilungen genau jenen Jetzt-erst-recht!-Effekt erzielen, den sie schon im Zuge der Waldheim-Debatte mit ihren Angriffen von außen erreicht haben? Auch damals wurden praktisch alle Österreicher in Sippenhaft genommen.

Nach ihrem Geplänkel, bei dem sie sich über die Dilemmata der anderen lustig machen, würde Gregor Gysi "tschüss" und Jörg Haider "servus" sagen, und beide würden sofort nach dem Händedruck nachsehen, ob sie noch alle fünf Finger an der eigenen Hand dranhaben.Unser Autor ist Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung "Die Presse".

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