• Die geschlossene Gesellschaft und ihre Feinde - ein Russland in Panik muss auch uns beunruhigen (Analyse)

Politik : Die geschlossene Gesellschaft und ihre Feinde - ein Russland in Panik muss auch uns beunruhigen (Analyse)

Christoph von Marschall

Deutschland im Herbst: Straßensperren, schwer bewaffnete Patrouillen rund um alle Amtsgebäude, Großfahndungen. Und vor allem die Angst. Die Angst jedes Einzelnen, selbst zum Opfer zu werden, in eine Auseinandersetzung zwischen den Terroristen der Rote Armee Fraktion (RAF) und den übernervösen Einsatzkräften oder in eine Flugzeugentführung zu geraten. Eine Angst, die sich zur kollektiven Hysterie steigerte. Der Staat, der schützen sollte, schien vielen Bürgern auf einmal ebenso bedrohlich wie die Gewalttäter. Und der gutgemeinte Trost der Demokratietheoretiker, dies gehöre zur Kehrseite der Freiheit, so verwundbar sei nur eine offene Gesellschaft, klang gar nicht tröstlich. Er beförderte eher den reflexhaften Ruf nach hartem Durchgreifen.

Russland ist keine offene Gesellschaft. Und der Terror, den die Einwohner Moskaus in diesen Tagen erleben, übersteigt alles, was die Westdeutschen im Herbst 1977 durchgemacht haben. Ganze Wohnblocks in die Luft zu sprengen, dazu hat sich die RAF selbst in den Phasen ihrer größten Verblendung nicht verstiegen. Der russische Staat greift jetzt härter durch gegen Randgruppen - nicht nur Menschen mit kaukasischen Gesichtszügen -, als die Bundesrepublik das je gewagt hätte. Aber das ist Aktionismus. Der autoritäre Staat ist nicht weniger hilflos und verwundbar als seinerzeit die offene Gesellschaft.

Derzeit sieht es so aus, als könnten die Terroristen ihren Krieg gegen die Städte, gegen die Zivilbevölkerung fast beliebig steigern - und damit auch die Panik. 31. August: Explosion in einem Einkaufszentrum nahe dem Kreml, mehr als 40 Verletzte; 4. September: Anschlag auf ein Soldatenwohnheim in Dagestan, 64 Tote; 9. September: Zerstörung eines neunstöckigen Wohnhauses im Süden Moskaus durch eine Detonation, mehr als 90 Tote; 13. September: Explosion in einem benachbarten achtstöckigen Wohnblock, vermutlich ein weiterer Anschlag, rund 100 Tote befürchtet. Wer steckt dahinter?

Steckt überhaupt eine Hand hinter all diesen Terrorakten? Nach allgemeiner Lesart - ja. Politiker und Medien weisen unisono in die gleiche Richtung, stellen einen Zusammenhang her mit den Sezessionsbemühungen der Islamisten im Kaukasus. Deren Anführer Schamil Bassajew bestreitet zwar, der Urheber zu sein - und dementiert zugleich, die Fundamentalisten in Nahost, die in der Auseinandersetzung mit Israel reiche Erfahrung mit Anschlägen gesammelt haben, leisteten ihm logistische Unterstützung: in Gestalt des aus Jordanien stammenden Kommandanten Chattab. Aber beide müssen sich vorhalten lassen, dass sie jüngst mit Anschlägen in ganz Russland gedroht haben.

Gewiss sollte man auch fragen: Cui bono - wem nutzt es? Im russischen Wahlkampf potenziell gleich mehreren. Erstens jedem Präsidentschaftskandidaten, der sich als starker Mann, der durchgreift, andient: General Lebed, aber auch Moskaus OB Jurij Luschkow. Zweitens sucht Präsident Jelzin angeblich nach einem Vorwand, um den Ausnahmezustand zu verhängen und die Parlamentswahl zu verschieben - zumindest, bis man ihm Straffreiheit nach Ausscheiden aus dem Amt zusichert oder die Wahl eines Nachfolgers gesichert ist, der ihm und seiner Familie freundlich gesinnt ist. Aber dieses Gerücht hat es noch vor jeder Wahl gegeben. Selbst wenn die allgemeine Panik ihnen nützt - russische Politiker werden sich nicht dazu versteigen, ihre Bürger in die Luft zu sprengen.

Den Westen muss die Situation zutiefst beunruhigen: ein Russland in Panik, eine von innen destabilisierte Macht, die ihr Heil in irrationaler Gegengewalt sucht, ein Kreml, der als Partner in der Weltpolitik ausfällt. Die USA, auch Deutschland, sollten Moskau die Mithilfe ihrer Terrorismus-Experten anbieten. Denn auch wenn das Ausmaß der Gewalt das vom deutschen Herbst 1977 übersteigt: Der Westen hat mehr Erfahrung in der Abwehr von Terrorismus.

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