Politik : Die Gesichter Europas

Früher war das Parlament politisches Abstellgleis – heute beginnen dort Karrieren

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Europa wird prominent: Rallyefahrer, Models und Fußballer kandidieren am Sonntag für einen Sitz im EUParlament. Die Gefahr, dass die größte Volksvertretung der Welt zu einer Spaßtruppe verkommt, ist indes gering. Denn auch politische Schwergewichte wie der frühere dänische Premier Poul Nyrup Rasmussen oder Litauens Ex-Staatschef Vytautas Landsbergis treten für Straßburg an. Andere suchen nach Rückschlägen auf der nationalen Bühne in Europa eine zweite Chance. Zu ihnen gehört auch der deutsche Grüne Cem Özdemir.

Die Zeiten, in denen Straßburg vor allem als Abstellgleis für politische Versorgungsfälle diente, sind vorbei. Im EU-Parlament wird längst auch Karriere gemacht. Ein – wenn auch umstrittenes – Beispiel dafür ist der Österreicher Hans-Peter Martin. Der Ex-Journalist und Buchautor zog 1999 als Spitzenkandidat der österreichischen Sozialdemokraten ins EU-Parlament ein, überwarf sich aber bald mit den Genossen. Im März 2004 beschuldigte er andere Europaparlamentarier, sich in tausenden Fällen in die Sitzungsliste eingetragen zu haben, um Tagegeld abzukassieren. Tatsächlich seien die Abgeordneten aber nach Hause gefahren. Martin wurde schlagartig bekannt. Laut österreichischen Medienberichten prüft das EU-Parlament nun auch Vorwürfe gegen Martin selbst: Er soll Unterschriften gefälscht haben. Ob das noch Einfluss auf Martins Kandidatur hat, ist fraglich. Obwohl er im Wahlkampf auf nur ein Thema setzte, die Kontrolle der Brüsseler Gremien, keinen Parteiapparat hinter sich hat und keine Wahlveranstaltungen absolviert, liegt Martin in Umfragen stabil bei 13 Prozent. Da er von anspruchsvolleren Medien weitgehend ignoriert wurde, hatte er ausschließlich das publizistische Gewicht der „Kronen-Zeitung“ hinter sich. Fast täglich berichtete das Boulevardblatt über ihn, was offenbar viele Österreicher von Martins Qualitäten überzeugt hat.

Auch in Italien bewirbt sich eine Journalistin für Straßburg. Mit Martin hat Lilli Gruber indes wenig gemeinsam. Wenn die rothaarige Südtirolerin, „Lilli la rossa“, im italienischen Staatsfernsehen die Hauptnachrichten moderierte, drängten sich sogar Mönchsklöster vor dem Bildschirm. Ihr gutes Aussehen, gepaart mit unschlagbarer, Sachkompetenz machte die regierungspolitisch glatt gebügelte Sendung zum Ereignis. Als Sonderkorrespondentin hat sie ihren Landsleuten den Fall der Berliner Mauer und den Kollaps der Sowjetunion nahe gebracht, ihr Reportagebuch über den Irakkrieg „Meine Tage in Bagdad“ verkauft sich so gut wie sonst nur die Autobiographie des Papstes. Jetzt ist die 47-Jährige der Star des Europa-Wahlkampfs. Auf persönlichen Wunsch Romano Prodis führt sie dessen Mitte-Links-Liste Olivenbaum in Italiens Zentralregion an, und Silvio Berlusconi fürchtet mit Recht, sie könnte ihm Stimmen wegschnappen. Der Abschied vom Fernsehen ist Lilli Gruber leicht gefallen: „Es gab dort zu viel Zensur und Manipulation“, sagt sie. Sie selbst hatte sich eine Rüge ihres Chefs eingehandelt, als sie Berlusconis Mediengesetz in einer Moderation „umstritten“ nannte. Jetzt will sich Gruber im Straßburger Parlament für Medienvielfalt in Europa einsetzen.

Einer der prominentesten Namen, der in Polen auf den Wahllisten auftaucht, lautet: Walesa. Doch nicht Ex-Präsident Lech Walesa sucht das europäische Rampenlicht, sondern der Sohn des früheren polnischen Arbeiterführers. Sein Vater sei über seine Kandidatur in erster Linie „erstaunt“ gewesen, sagt Jaroslaw Walesa. Er wolle dazu beitragen, dass die Leute bei Polens erster Europawahl überhaupt wählen gehen, erklärt er seinen Schritt in die Politik. Sieben Jahre lebte er in den USA, wo er an einer jesuitischen Universität Politologie studierte. Seit seiner Rückkehr arbeitet er in dem Danziger Büro seines Vaters. Gewandelt habe sich in Polen einiges, doch die Mentalität sei dieselbe geblieben, bedauert er: „Ich würde den Leuten gerne helfen, eine positivere Einstellung zum Leben zu finden.“ Noch vor zwei Jahren habe er selbst nicht daran gedacht, ein politisches Amt anzustreben, sagt der 28-Jährige: „Eigentlich bin ich eher ein Mensch, der lieber hinter den Kulissen arbeitet, gerne ein Buch schreiben würde.“ Einen Wahlerfolg hält er selbst indes für wenig wahrscheinlich: „Meine Chancen sind minimal.“

Tatjana Schdanok dagegen hat gute Aussichten, ins EU-Parlament einzuziehen – obwohl sie früher sogar gegen den Beitritt war. Der schade Lettlands Wirtschaft, glaubte sie. In der EU jedoch sind Minderheiten- und Menschenrechte besser geschützt. Und dass es um diese in Lettland schlecht steht, beklagt sie seit Jahren. Jetzt ist die 54-Jährige Spitzenkandidatin für die hauptsächlich von der russischsprachigen Bevölkerung unterstützte Partei „Für Menschenrechte in einem vereinten Lettland“.

Die gebürtige Rigaerin kämpft für eine eigenständige russische Kultur in Lettland, wie früher gegen die Unabhängigkeit des Landes. Wegen ihrer damaligen Rolle darf sie kein politisches Amt übernehmen und zog dagegen vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Schdanok will mehr Geld für den unterentwickelten und „russisch“ dominierten Osten Lettlands. Und sie will sich für ein „soziales“ Europa und für Umweltschutz einsetzen, sagt sie. Zwar stehe ihre Partei der PDS nahe, doch im Parlament wolle man sich der Fraktion „Freie Allianz“ anschließen. „Die EU muss mehr sein als ein Bund von 25 Bürokratien“, sagt Schdanok. Die Regionen bräuchten eine Stimme. Dazu zählt sie auch die russischsprachigen Gemeinden. pak/jap/tro/hub/uls

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