Politik : "Die Gestapo im Zweiten Weltkrieg": Die Angst als Verbündeter

Otto Diederichs

Bis heute ist das Bild von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) der Nazis bestimmt von Allgegenwärtigkeit, Allwissenheit und Allmacht. In einem ständigen Prozess der Selbstradikalisierung zog sie immer neue Kompetenzen an sich, die diesen Ruf schufen und festigten. So verfügte sie schließlich über das Monopol, ihre Gegner selbst festzulegen wie die Methoden zu ihrer Bekämpfung zu wählen - und entwickelte sich zur reinen Weltanschauungs-Exekutive.

Im Krieg folgten Gestapo-Einsatzgruppen Hitlers Wehrmacht auf dem Fuße und unterwarfen die Bevölkerung der besetzten Länder ihrem selbst definierten Polizeirecht. Insbesondere Polen kam dabei eine Schlüsselrolle zu. Die Feindbilder vom Untermenschen und Judentum fielen hier zusammen. Nahezu alle Terrormaßnahmen, mit denen die Gestapo identifiziert wird, wurden in Polen entwickelt und erstmalig praktiziert. Mit dem Vorrücken der Wehrmacht fanden sie ihren Weg auf den Balkan, in die Sowjetunion und - wenn auch abgeschwächt - in die eroberten Staaten im Westen.

Je schwieriger die militärische Situation, umso rücksichtsloser wütete die Gestapo auch an der "Heimatfront". Dennoch ist das Bild ihrer Allgegenwart und Allmacht falsch, wie die Autoren dieses Sammelbandes in knapp 30 Beiträgen klar machen. Auf sich gestellt wäre die Gestapo weder organisatorisch noch personell in der Lage gewesen, ganz Europa mit Terror zu überziehen. Bedingt durch die ständige Ausdehnung der zu überwachenden Territorien, später durch die sich verschlechternde Kriegslage, fehlten ihr hierzu fast von Anbeginn die Ressourcen. Diesen Mangel suchte man durch verstärkte Brutalität zu kompensieren: Angst ist ein starker Verbündeter. Ohne die Unterstützung der Bevölkerung wären ihre Aufgaben nicht zu erfüllen gewesen. Denunziationen waren vielfach der Ausgangspunkt von Gestapo-Ermittlungen und -Repressionen. Zur (Terror-)Herrschaft des Nationalsozialismus bedurfte es also nicht eines überdimensionierten Sicherheits- und Gewaltapparates sondern eher dessen billigender Inkaufnahme. Ein Vorgang, der sich in ähnlicher Form in der DDR wiederholte und, so ist zu befürchten, auch in der Bundesrepublik nicht völlig auszuschließen ist. Diese Erkenntnis ist das Bedrückende am Buch von Paul und Mallmann.

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