Politik : Die Grenzen der Loyalität - das atemberaubende Aufbegehren des Alfred Sauter (Kommentar)

Bernd Ulrich

Es gibt heutzutage kaum noch Tabus. Über alles und jedes darf, ja muss geredet werden. An dieser herrschenden Freiheit gemessen, gehört das, was sich zwischen einem Chef und seinem Untergebenen wirklich abspielt, zu den letzten verbliebenen Tabuthemen. Unterordnung heißt das Stichwort, das nicht fallen darf. Aber Unterordnung spielt üblicherweise eine Rolle zwischen, sagen wir, einem Minister und seinem Staatssekretär.

Dieser Zwang, über Witze lachen zu müssen, die man nicht lustig findet, zu nicken, wenn einem nach Kopfschütteln zumute ist, sich für "die Sache" vom Chef in gefährliche Gemeinsamkeiten hineinziehen zu lassen, stets zurückzustehen, wenn die Scheinwerfer angehen, und sofort zurückzutreten, wenn es gewünscht wird - all das widerspricht dem gängigen Bild von Karriere und Aufstieg. Aber es gehört dazu. Gemildert wird diese Unterordnung, wenn es gut geht, durch gegenseitige Loyalität, wenn es besonders gut geht, durch Freundschaft. Und damit sind wir bei Alfred Sauter.

Er war im Jahre 1991 der Staatssekretär des Innenministers Edmund Stoiber. Seinerzeit ist mit der Wohnungsbaugesellschaft LWS etwas schief gelaufen, was die bayerischen Steuerzahler ein paar hundert Millionen gekostet hat. Dafür muss nun jemand büßen. Das kann Edmund Stoiber natürlich nicht sein. Der ist ja Ministerpräsident und soll gegebenenfalls einmal Bundeskanzler werden. Folglich muss Alfred Sauter gehen, der seit 1991 auch aufgestiegen ist, nämlich zum Justizminister.

Wie sich gestern herausstellte, hat Sauter nicht unbedingt etwas dagegen einzuwenden, das Bauernopfer zu sein. Wohl aber gegen das Wie seines Abgangs. Sauter hat die gemeinsame Vergangenheit mit Edmund Stoiber offenbar anders interpretiert als der CSU-Vorsitzende: "Ich tue mich sehr schwer, damit klarzukommen, dass eine politische Freundschaft, wie sie sich zwischen Edmund Stoiber und mir über Jahrzehnte aufgebaut hat, innerhalb so kurzer Zeit völlig zerbrechen kann." Das sagte Sauter dem "Stern". Was immer er im Namen dieser Freundschaft getan hat an guten und an bösen Tagen - der Bruch mit Stoiber hat Sauter verletzt und diese Jahrzehnte schlagartig in ein anderes Licht getaucht. Das ungewöhnliche, geradezu atemberaubende Aufbegehren des Alfred Sauter: Er wollte nicht umgehend unsichtbar gemacht werden durch Edmund Stoiber. Es geht also um seine, um Sauters Würde und um das politische Alleinsein.

Dessen Tabubruch gegen Stoiber und den bayerischen Klüngel-Komment mag legitim sein oder nicht; in jedem Fall trübt er Stoibers Image als Ex-Amigo, der nach dem Rücktritt Streibls mit dem Amigo-Sumpf Schluss gemacht hat. Auf dieser symbolischen Ebene ist die Affäre Sauter für Stoiber bedenklicher als von ihrem harten Skandal-Kern her. Es geht weniger um die Millionen, es geht um das Milieu und darum, wie gut der CSU-Vorsitzende es beherrscht.

Edmund Stoiber möchte, das spürt man, einmal Bundeskanzler werden. Gegen diese Absicht spricht zunächst einmal nichts; er ist schließlich ein ziemlich erfolgreicher Politiker. Aber hier hat er versagt: entweder als politischer Freund in einem besonders schweren Fall. Oder als politischer Vorgesetzter, der es nicht schafft, einen Untergebenen über das Ende von dessen Karriere hinaus im Zaum zu halten. Beides wäre kein Vergehen.

Doch, mal ganz unter Freunden: Edmund Stoiber sollte sich nicht zu sehr wundern, wenn die Union im Jahre 2002 jemanden zum Kanzlerkandidaten kürt, der ansonsten genauso gut ist und solche Fehler noch nicht gemacht hat.

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