Politik : Die Größe von Riesen

Die Chinesen haben einen Wirtschaftswachstumsschub wie kein anderes Volk – aber Taiwan holen sie frühestens in 35 Jahren ein. Wenn keine Krise kommt

Harald Schumann

Die Werte sind fantastisch und die Welt staunt: Die chinesische Gesellschaft ist auf dem besten Weg, den größten und längsten Wachstumsschub der Wirtschaftsgeschichte hervorzubringen. Seit nunmehr 15 Jahren wächst Chinas Volkswirtschaft ununterbrochen um durchschnittlich gut neun Prozent pro Jahr. Neue Fabriken, Kraftwerke, Straßen, Flughäfen, eine Flut von Autos und unendlich viele Wohnhochhäuser verändern täglich das Bild der chinesischen Städte, und die Skyline von Schanghai wurde zum Sinnbild für Chinas Aufstieg zur Weltwirtschaftsmacht. Der Wandel ist atemberaubend, aber wird er auch anhalten? Oder führt das chinesische Wirtschaftswunder geradewegs in die Krise und einen Zusammenbruch, wie er vor sieben Jahren die anderen asiatischen Aufsteiger traf, von Thailand bis Südkorea?

Glaubt man den Auguren des Internationalen Währungsfonds und der großen privaten Banken, dann ist die Gefahr gering. Es stehe „nicht zu erwarten, dass es plötzlich zu einem Einbruch kommt“, meint darum Hans-Günther Hilpert, China-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), dem Thinktank der Bundesregierung. Tatsächlich unterscheidet sich die chinesische Entwicklung in zentralen Punkten von der in den Tigerstaaten vor der Asienkrise. So ist der Kapitalmarkt des Landes stark reguliert. Spekulative Angriffe auf die Währung, so wie einst in Thailand oder Indonesien, sind in China nicht möglich, weil der Devisenhandel staatlicher Kontrolle unterliegt. Kein noch so ausgefuchster Hedgefonds-Manager kann sich unbegrenzt chinesische Yuan leihen und diese gegen Dollar oder Euro tauschen, um auf diesem Weg einen Kursverfall zu erzwingen und anschließend mit billig erworbenen Yuan die aufgenommenen Kredite günstig zurückzahlen. Zudem ergäbe das auch wirtschaftlich keinen Sinn. China ist nicht überschuldet, sondern im Gegenteil eines der größten Gläubigerländer der hoch verschuldeten US-Ökonomie. Darum wird viel eher auf eine Aufwertung des Yuan spekuliert, weil die chinesische Zentralbank bisher noch eisern an der Dollarbindung ihrer Währung festhält, obwohl der Greenback im Rest der Welt drastisch an Wert verliert. So kostet der Dollar in China seit acht Jahren exakt 8,28 Yuan und die transpazifische Warenflut aus Chinas Fabriken in Amerikas Supermärkte hält ungebrochen an. Im Handel mit der Supermacht erzielt China einen jährlichen Überschuss von mehr als 50 Milliarden Dollar.

Wenn, dann ist es diese intensive Bindung an die USA, die Chinas Volkswirtschaft verwundbar macht. Das Erfolgsrezept von gestern könnte die Wurzel der Krise von morgen sein. Nicht nur macht es Chinas Exportindustrie abhängig von der US-Konjunktur. Auch zwingt der Festkurs Pekings Notenbanker, die überschüssigen Dollars zu kaufen und in US-Anleihen zu investieren, obwohl absehbar ist, dass daraus früher oder später riesige Verluste drohen, wenn der Yuan-Kurs nicht mehr zu halten ist. Mehr als 600 Milliarden Dollar beträgt der Wert des Devisenschatzes schon, und es werden jede Woche einige Milliarden mehr. Unvermeidlich pumpt die Notenbank damit aber auch viel zusätzliches Geld in den chinesischen Kapitalmarkt. Folglich sind Kredite billig – das verleitete viele Unternehmen in der Herstellung von Stahl, Aluminium, Zement oder Automobilen bereits zum Bau von Überkapazitäten. Darum ging die Regierung vergangenes Jahr mit planwirtschaftlichen Mitteln gegen die „Überhitzung“ vor, indem sie kurzerhand die Kreditvergabe in diesen Sektoren unterband.

Doch umstritten ist, ob das reicht. So warnt zum Beispiel Andy Xie, China-Experte der Investmentbank Morgan Stanley, vor einer gefährlichen Blase auf dem Immobilienmarkt. Nach Xies Berechnung haben sich die Preise für Wohn- und Büroraum in den Küstenstädten binnen drei Jahren verdoppelt. Nun seien so viele Neubauten im Gang, dass sie zu derzeitigen Preisen nach Fertigstellung dem Gegenwert von einem Drittel des gesamten Bruttoinlandsprodukts entsprechen würden – eine gigantische Fehlspekulation. Ob und wie das Platzen dieser Blase zu einer Krise führen könnte, vermag niemand vorherzusehen. Die jüngsten Daten könnten widersprüchlicher nicht sein. So sind in den ersten zwei Monaten des Jahres „die Importe geradezu implodiert“, sagt Jesper Koll, Chefökonom für Asien bei der Investmentbank Merill Lynch. Weil vor allem der Kauf von Kapitalgütern wie Maschinen eingebrochen ist, glaubt Koll, das Ende des Investitionsbooms sei gekommen. Gleichzeitig haben die Exporte um acht Prozent gegenüber dem Vorjahr zugelegt, die Industrieproduktion um 16 Prozent.

Der Nachholbedarf für das Milliardenvolk im Reich der Mitte ist gigantisch. Zwei Drittel der Bevölkerung leben auf dem Land mit Einkommen von weniger als einem Dollar am Tag. Darum sei eine kleine Verlangsamung des Booms erwartbar, aber „kein Ende des Wachstums“, meint SWP-Experte Hilpert. Selbst bei einer Zuwachsrate von 7,5 Prozent jährlich, sagt Hilpert, „erreichen die Chinesen erst im Jahr 2040 das wirtschaftliche Niveau, das Südkorea und Taiwan heute haben.“

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