Politik : Die Grünen: Abschwung Ost

Matthias Meisner

Irgendwann platzte Fritz Kuhn doch der Kragen. Geduldig hat der Parteichef der Grünen immer wieder für den Öko-Landbau und Renate Künasts neue Politik geworben, die gerade im Osten besondere Chancen verspreche. Doch als ihn der Leiter des Landhandels im Kreis Altenburg wegen des "überstürzten Verbotes von Tiermehl" im Zuge der BSE-Krise angreift, widerspricht Kuhn klipp und klar. "Jammern hin oder her", sagt er, aber die rot-grüne Regierung werde das in ähnlicher Situation "wieder so machen".

Es ist einer der wenigen Momente auf der zweitägigen Reise der Grünen-Bundesspitze durch Thüringen, auf der so etwas wie Unverständnis über die Stimmung im Osten deutlich wird. Ansonsten hörten Kuhn und seine Ko-Sprecherin Claudia Roth bei ihrer Tour vor allem zu - "um zu lernen, wo die Probleme sind", wie es der Parteivorsitzende ausdrückt. Eines soll klar werden: Ein "neuer Aufschlag" sei unverzichtbar, weil die Grünen sich "selbstverständlich nicht als Regionalpartei West verstehen".

Wie dieser Aufschlag aussehen wird, zeichnet sich aber bisher allenfalls in groben Umrissen ab. Ein von der Parteiführung versprochenes Konzept für die Politik in den neuen Länder lässt auf sich warten. Die Informationsreise durch Thüringen wird den Spitzenpolitikern der Grünen vor allem wegen der erheblichen Kontraste in Erinnerung bleiben: Da die strukturschwache Region in Altenburg mit "fast bedrückender Perspektivlosigkeit" (Roth), dort der Forschungs- und Industriestandort Jena, eine der Boom-Regionen Thüringens. In Altenburg treiben fehlende Lehrstellen und Job-Perspektiven die Jugend zur Abwanderung, die in Jena ausgebildeten jungen Ingenieure werden vom höheren West-Gehalt angelockt. Fremdenfeindlichkeit sei ein Hindernis für die Neuansiedlung von Betrieben, erklären Roth und Kuhn unisono.

Für die Grünen wird es im Osten absehbar schwer bleiben. Gerade mal 550 Mitglieder hat etwa der thüringische Landesverband. Wenig Leute, um im Bundestagswahlkampf 2002 kraftvoll aufzustehen. Die bekannteste Thüringer Grüne schaut derweil schon nach Hessen: Katrin Göring-Eckardt, Parlamentsgeschäftsführerin im Bundestag, will sich bei der nächsten Wahl möglichst auf der hessischen Landesliste platzieren lassen, weil dort die Chancen für den Wiedereinzug ins Parlament größer scheinen. Und die Grünen in ihrer Heimat fürchten ein neues verheerendes Signal dafür, dass ihre Berliner Führungsleute sie eben doch weitgehend abgeschrieben haben.

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