Politik : Die Grünen, ein chinesisches Atomkraftwerk und die heiße Liebe zu den Aktien (Kommenar)

Bernd Ulrich

Aktien sind lediglich Anteile an Firmen, könnte man meinen, also eine profane Angelegenheit. Das grassierende Aktienfieber wäre dann bloß eine in Wallung geratene Profanität. Doch das stimmt nicht. Im Grunde sind Aktien philosophische Traktate, die eine kühne These enthalten und eine grandiose Erwartung: Morgen werden wir noch reicher werden als heute, und dieses Morgen kommt sehr bald. Das Aktienfieber drückt insofern auch Gleichgültigkeit aus - gegenüber dem Gestern und dem Übermorgen. Das ist der Geist der Zeit: Sorge dich nicht, lebe; arbeite nicht, spiele.

Unter solchen Umständen verwundert es nicht allzu sehr, wenn der Kampf gegen Atomkraftwerke als unmodern erscheint: Irgendwann können AKWs irgendwen teuer zu stehen kommen. Vor allem wegen der Entsorgungsfrage, außerdem wegen der in Deutschland nicht ganz und in China schon gar nicht auszuschließenden Sicherprobleme. Wer so krampfhaft an morgen denkt, ist neuerdings von gestern.

Die deutschen Grünen wirken mit ihrer AKW-Gegnerschaft auch deshalb so hoffnungslos veraltet, weil der Partner, mit dem die Ausstiegsverhandlungen geführt werden, gar nicht mehr wirklich existiert. Zwar sitzen der rot-grünen Regierung vier deutsche Manager gegenüber, aber eine der Firmen ist bereits heute zum Teil in französischer Hand. Und durch den liberalisierten europäischen Strommarkt kann jederzeit Atomstrom nach Deutschland gelangen, egal ob hierzulande die Politik den Ausstieg beschlossen hat oder nicht.

Schließlich beruht auch der grüne Einsatz gegen den Export von Nuklear-Technologie immer noch auf einer sympathischen, wenngleich überholten These. Denn gegen das Argument: "Wenn wir es nicht machen, machen es andere", kann man nur einwenden, dass sich der deutsche Weg irgendwann als energiepolitischer Avantgardismus herausstellen wird. Aber da ist es wieder, dieses antiquierte Wort: irgendwann. Wen interessiert das noch? Mit jeder Aktie wird die These härter und hitziger, dass der einzig relevante Zeitpunkt jetzt ist. Jetzt braucht man Energie, jede, überall.

Unsere Gesellschaft macht sich zurzeit etwas verrückt. Dennoch ist sie noch immer nicht verrückt genug, sich nicht einen kleinen Pfad ins Übermorgen offen zu halten. Und eine kleine Partei, die sich auf diese Nebenoption festlegte, hätte sicher ihr politisches Auskommen. Sind die Grünen diese Partei? Sind sie die politische Aktie für das Übermorgen? Dann hätten sie vielleicht auch die Kraft, Hermes-Bürgschaften für AKWs in technologisch und politisch instabilen Regionen zu verhindern.

Oder die Kraft, die Dinge in günstigerem, vor allem klareren Licht erscheinen zu lassen. Die Grünen haben die Genehmigung für ein AKW akzeptiert - das war der Preis, um eine ganze Reihe von anderen ökologisch gefährlichen Projekten zu verhindern. Die Sache so darzustellen, setzt allerdings ein gewisses Maß an politischer Kommunikationsstrategie voraus. Davon ist nichts zu erkennen: Die grüne Bundestagsfraktion erfuhr von dem chinesischen Neubau erst kurz vor den Zeitungen. Und die schlechte Neuigkeit wurde drei Tage vor einem ohnehin emotional hoch aufgeladenen und mangelhaft vorbereiteten Parteitag bekannt. Da sieht man, wie aus schlechten Führungsstrukturen chinesische AKWs werden.

Wären die Grünen eine Aktiengesellschaft, dann hätte es gestern einen Kurseinbruch gegeben. Zu ihrem Glück sind sie nur eine Partei. Deren nächste Notierung findet erst bei den NRW-Wahlen im Mai statt.

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