Politik : Die Grünen: Gelbe Karte

Matthias Meisner

Den Triumph, ihren Umweltminister Jürgen Trittin jetzt ans Messer zu liefern, wollen die Grünen der CDU nicht gönnen. Eine "offene, aber solidarische" Diskussion wünscht sich Fraktionschef Rezzo Schlauch, als er am Dienstag zur Sitzung seiner Abgeordneten im Berliner Reichstag kommt. Aber: "Ich glaube nicht, dass wir in Lehrer-Schüler-Manier Rügen verteilen sollten."

Das wichtigste Ergebnis steht schon fest, bevor die Fraktionsdebatte über die Konsequenzen aus dem Wahldebakel begonnen hat: Trittin soll im Amt bleiben, auch wenn das viele Abgeordnete nur zähneknirschend billigen. Er gehe davon aus, dass das Ergebnis des Grünen-Parteirats bestätigt werde, sagte Schlauch - der hatte es am Montag mit einer Ermahnung an den umstrittenen Minister bewenden lassen. Auch Fraktionsgeschäftsführerin Katrin Göring-Eckardt erklärte, dass die Grünen nicht der "Menschenjagd" der CDU zum Erfolg verhelfen wollten. Doch hektisch geht es schon zu am Dienstag. Die gewöhnlich bei Fraktionssitzungen anwesenden Mitarbeiter werden hinausgeschickt, und die Grünen-Parteichefs Claudia Roth und Fritz Kuhn verschoben ihren für Dienstag geplanten Besuch bei den Atomkraftgegnern im Wendland.

Dass die Stimmung aufgeheizt ist, hatte sich auch am Montagabend bei einem internen Treffen der Realpolitiker gezeigt. Drei Stunden wurde diskutiert. Analysen schreckten auf, wonach die Stimmenverluste in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, hochgerechnet auf den Bund, bei der Bundestagswahl 2002 das Absinken unter die Fünf-Prozent-Hürde bedeuten würden. Doch gerade in dieser Situation wollen die Grünen Zerreißproben vermeiden. "Es gibt überhaupt keine Veranlassung, diesem durchsichtigen Manöver auf den Leim zu gehen", sagte die ehemalige Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer. Und der oberschwäbische Abgeordnete Oswald Metzger, Ober-Realo der Fraktion, meinte, Trittin gehöre "zu einem Ensemble", dürfe aber auch nicht zu einer Belastung werden. "Jürgen, bitte zusammenreißen", gab Metzger als Devise an seinen Parteifreund aus.

Die Union hat zur Debatte um Trittin am Donnerstag im Bundestag eine namentliche Abstimmung beantragt - selbst wenn dessen Abwahl nicht zu befürchten ist, weil sogar die PDS-Abgeordneten dagegen stimmen wollen. Doch: "Was meinen Sie, wieviele es ärgern wird, für Trittin stimmen zu müssen?", frotzelte CDU/CSU-Fraktionsgeschäftsführer Hans-Peter Repnik am Montag in seiner Journalistenrunde in Richtung Koalition. Manche in der Unionsführung scheinen sogar ganz froh zu sein, dass es den unpopulären Grünen-Bundesminister gibt. "Er ist der beste Wahlhelfer der Union", sagte CSU-Landesgruppenchef Michael Glos, andererseits mit seinen Äußerungen zum Nationalstolz aber auch eine "Schande für Deutschland".

Doch genau solche heftigen Reaktionen "schmieden eher zusammen", meinte der Grünen-Abgeordnete Cem Özdemir auf dem Weg zur Fraktion. Und die Berliner Abgeordnete Franziska Eichstädt-Bohlig, die noch am Montag den Rücktritt Trittins gefordert hatte, will es nun mit der "gelben Karte" bewenden lassen. Andere mutmaßliche Abweichler wie Helmut Lippelt und Christa Nickels sollen von der Führung noch rechtzeitig "eingenordet" werden. Der Leipziger Werner Schulz sagte: "Trittin muss definieren, welchen Beitrag er jetzt leistet, die Partei aus der Krise zu bringen, aus eine Krise, die er selbst mit zu verantworten hat." Und die Abgeordnete Rita Grieshaber glaubt: "Im Moment wird Trittin sicher sehr zurückhaltend agieren. Wie lange das hält, wird man sehen."

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