Politik : Die Grünen in Berlin sind erleichtert - auch Wolfgang Gerhardt atmet auf

Thomas Kröter

Gegen Mitternacht rief Reinhard Bütikofer an, der Bundesgeschäftsführer der Grünen. Noch keine Entwarnung aus Düsseldorf. Rezzo Schlauch ging nicht ohne einen Rest Unbehagen zu Bett. Dann am Morgen, bevor um sieben Verteidigungsminister Rudolf Scharping zum Arbeitsfrühstück wg. Bundeswehrreform erschien, war die Welt auch für den Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Bundestag die Welt wieder in Ordnung. Geschafft. Die Koalitionsverhandlungen - erfolgreich. Auch in Düsseldorf regieren die Grünen wieder mit.

"Das gibt uns für Berlin die Sicherheit, den Erfolgskurs im Bund fortsetzen zu können", sagt der schwergewichtige Schwabe ein ums andere Mal in die Fernsehkameras. Bewertungen im Einzelnen? Nicht seine Aufgabe. Natürlich darf einer wie Schlauch nicht verraten, wie schwer der Wackerstein wog, der ihm da vom Herzen kullerte. Was die Berliner Grünen intern aus Düsseldorf zu hören bekamen, hatte nicht darauf schließen lassen, dass Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Wolfgang Clement nur aus Daffke oder kurzsichtiger Taktik Grünen-Bashing betrieb. Er hätte wohl wirklich gern die liberale Option ausprobiert - wenn, ja wenn nicht der Kanzler ihm klar die bundespolitischen Folgen aufgezeigt hätte. Aber Schlauch würde natürlich einen Teufel tun, Gerhard Schröder öffentlich dafür zu danken.

Annelie Buntenbach weiß noch nicht so recht, ob sie sich nun freuen soll, dass ihr Landesverband weiter Regierungsbürde tragen darf. Die Bielefelder Bundestagsabgeordnete vom linken Flügel ihrer Partei flüchtet erst mal in Sarkasmus: "Es gibt Schlimmeres als die Oppositionsbänke", sagt sie dem Tagesspiegel. Sie will erst einmal das Kleingedruckte aus der Koalitionsvereinbarung kennen, ehe sie ihr Votum abgibt. Aber eins steht für sie mit Blick auf den Parteitag fest: "Man muss die Möglichkeit mitdenken, Nein zu sagen."

Wolfgang Gerhardt traut den Grünen einiges zu, nur das nicht. Für ihn wollten sie regieren, um jeden Preis. Punkt. Der Chef der liberalen Dauerregierungspartei in ungewohnter Oppositionsrolle kennt die Stärke dieses Gefühls. Und er kennt auch die verheerenden Folgen, wenn das Regierenwollen die Identität aufzehrt.

Daher ist es wohl nicht nur die Missgunst des politischen Gegners, sondern auch die eigene Erfahrung, wenn er der Konkurrenz um den dritten Platz im Parteiensystem eine schlechte Zukunftsprognose ausstellt. Was ihn persönlich angeht, kann er mit dem Düsseldorfer Ergebnis blendend leben. Wenn der Wahlsieger Jürgen Möllemann auch noch mit einem Ministerposten in Düsseldorf belohnt worden wäre, wäre aus seinem Stänkern gegen den Bundesvorsitzenden womöglich doch noch ein veritabler Putsch geworden.

So hält Gerhardt sich zurück und genießt den Erfolg nicht minder als seine Grenzen. Mit anderen Worten: Beide Berliner Kleinparteien sind mit der Düsseldorfer Koalition mehr oder minder zufrieden. Auch wenn nicht jeder seiner Freude vollen Ausdruck geben darf.

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