Politik : Die Grünen verlieren Teile ihrer Basis (Kommentar)

Thomas Kröter

Nun auch Marianne Fritzen. Ausgetreten. Dass der Name nur noch Spezialisten für die Geschichte der Neuen Sozialen Bewegungen etwas sagt, ist Teil des Problems. Neue Soziale Bewegungen? Auch der Begriff ist erläuterungsbedürftig, heutzutage, da die Spende für Greenpeace das eigenfüßige Demonstrieren ersetzt. In den 70ern taten sich verwegen aussehende junge Leute mit einigen älteren zusammen. Sie gingen gegen Atomkraftwerke auf die Straße, setzten sich vor US-Raketendepots, bauten Hüttendörfer gegen Flugplatzerweiterungen. Aus dieser Ursuppe entstanden die Grünen. Marianne Fritzen, eine der Älteren, ist die Heroine des Widerstands gegen das atomare Endlager in Gorleben. Menschen wie sie warben bei der Mehrheit um Verständnis für die seltsamen jungen Leute. Eine wie sie war Kronzeugin, dass die Demonstranten ein wenig Recht hatten und dass die Gewalt, in die ihr Protest oft mündete, auch der Eskalation durch die Staatsmacht geschuldet war.

Marianne Fritzen hat die Grünen zu einem Zeitpunkt verlassen, da die Partei dem Ziel von damals so nahe ist wie nie: dem Ausstieg aus der Atomenergie. Nur: Es dauert viel länger als man gehofft hatte. Sogar fast so lange, wie man fürchtete, dass es auch ohne die Grünen gedauert hätte. Der Eindruck der Enttäuschten ist nicht falsch. Zwar steht nicht die Atomenergie unter dem Schutz des Grundgesetz, aber das Recht der Kraftwerkseigentümer, mit ihrem Besitz Geld zu verdienen. Daran kann keiner etwas ändern - auch nicht eine Partei, die mit näher an fünf als an zehn Prozent der Wählerstimmen das Land mit regieren darf, als Juniorpartner der SPD. So einfach ist das.

Und so schwer zu akzeptieren für Menschen, die viel Kraft und Lebenszeit für diese Sache gegeben haben, von der sie überzeugt sind, dass sie eine Überlebensfrage darstellt. Auch Jürgen Trittin hat damals demonstriert. Heute steht er auf der anderen Seite. Vergeblich hat er Marianne Fritzen zu überzeugen versucht: Dass es keine Wahl zwischen langsamerem oder schnellerem Ausstieg gibt, sondern nur diesen einen - oder die Atommeiler bleiben wirklich so lange am Netz, wie es technisch eben geht.

Jürgen Trittin hat versucht, dem näher zu kommen, was Fritzen und Freunde wollen. Er ist gescheitert. Nun hat er mit Joschka Fischer, der sich ein bisschen schneller an die normative Kraft des Faktischen gewöhnt hat, dafür gesorgt, dass der Kanzler mit der Industrie um den Ausstieg verhandelt. Die grünen Antipoden haben ein flexibles Ausstiegsmodell entworfen, das beiden Seiten die Möglichkeit geben könnte, das Gesicht zu wahren - der modernere Reaktor läuft ein bisschen länger, der ältere ein bisschen kürzer. Derzeit hat man sich auf die starre Zahl 30 Jahre festgelegt. Das war schwer genug. Nur: Wer wäre je mit der Zahl aus einer Verhandlung herausgekommen, mit der er hineingegangen ist?

Das Ergebnis wird aus grüner Urperspektive noch schlechter sein als nun befürchtet. Der Sturm, den Trittin gerade in Niedersachsen geerntet hat, ist nur der Anfang. Andere werden Marianne Fritzen folgen. So, wie ihr Herbert Gruhl, Jutta Ditfurth und Co. vorausgegangen sind. Nur so konnte die Partei regierungsreif werden. Es zu bleiben, wird noch schwerer. Aber nur dann wird sie die jungen Menschen von heute erreichen. Sonst folgt sie den Veteranen der Bewegung ins politische Aus. So einfach ist das.

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