Politik : Die Gunst der Differenzierung

Amerikas Presse brandmarkt den Nobelpreisträger – die Briten sind dagegen erstaunlich ausgewogen

John Jungclaussen[London]

„Der Nobelpreisträger gibt zu, dass er für Hitler gearbeitet hat“, schreibt die „New York Times“. „Grass gibt zu, dass er auch ein Nazi war“, schreibt auch der „San Francisco Chronicle“ am Wochenende und verbreitete die überraschende Neuigkeit, das Geständnis, das zu spät kam. Es ist freilich eine Überschrift, die etwas großzügig mit den Tatsachen umgeht. Wer kurz vor dem Ende des Krieges als 17-Jähriger von der Waffen-SS rekrutiert wurde, der war nicht zwangsläufig ein ideologisch verbrämter Nazi. Dennoch ist es verführerisch für angelsächsische Zeitungsmacher, die historischen Hintergründe nicht allzu genau zu beleuchten. Hauptsache, die Schlagzeile entspricht dem Bild, das man von den Deutschen und dem Nationalsozialismus hat. Deswegen darf es erstaunen, dass der Fall Grass in den britischen Medien am Wochenende keine übergroße Darstellung wert war. Einzig die „Sunday Times“ berichtete länger darüber. Das Blatt lieferte dabei ein überraschend ausgewogenes Portrait des Nobelpreisträgers, in dem die Zusammenhänge sachlich und ausführlich dargestellt wurden. „Wenige Tage vor der Veröffentlichung seiner Memoiren“, schreibt die „Sunday Times“, „hat Günther Grass zugegeben, dass er einst ein Mitglied der Nazi SS war. Die Offenbarung des Nobelpreisträgers kurz vor seinem 80. Geburtstag hat der deutschen Literatur- und Kulturszene einen Schock versetzt. „Und weiter schreibt das Blatt: „Die verspätete Offenbarung bedeutet eine komplette Neueinschätzung der Karriere eines Mannes, der bekannt wurde mit seiner Aussage, dass der Name Deutschland auf ewig mit dem Namen Auschwitz verbunden bleiben werde.“

In Großbritannien wird Günter Grass nicht pauschal als Nazi abgestempelt, denn die Briten haben angesichts der Moslems im eigenen Land und der Terrorgefahr ein neues Identitätsproblem. Für das deutsch-britische Verhältnis bedeutet das zukünftig einen erleichterten Umgang. Es ist aber auch Anzeichen für einen grundlegenden Wandel. Nazi-Geschichten haben in Großbritannien immer Konjunktur gehabt. Als Kardinal Ratzinger zum Papst gewählt wurde, schrieb die „Sun“ noch: „Vom Hitlerjungen zu Pappa Ratzzi“, als wenn die zwangsweise Rekrutierung eines Teenagers irgendetwas mit seiner kirchlichen Laufbahn zu tun hätte. Und als Prince Harry sich für eine Kostümparty in eine Uniform von Rommels Wüstencorps warf, war das Hakenkreuz tagelang auf den Titelseiten zu sehen.

Nichts verband Deutschland und Großbritannien in den letzten dreißig Jahren so sehr wie das Hakenkreuz. Die britischen Medien ließen nie eine Gelegenheit aus, um Deutschland und Deutsche auf zwölf Jahre Nationalsozialismus zu reduzieren. Generationen von deutschen Botschaftern haben sich mit der britischen Presse herumgeschlagen und sich viel Mühe gegeben, das Deutschlandbild in Großbritannien zu verbessern. Konferenzen wurden organisiert mit Werbern und Markenexperten, als könnte man das Image eines Landes so aufbauen wie das einer Tagescreme oder einer Limonade – alles vergeblich: Die Deutschen wurden immer mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht. Gemeinsam war beiden Ländern, dass die Jahre der Nazi-Diktatur ein Schlüssel für die Entwicklung und Darstellung einer nationalen Identität waren. Der Unterschied war freilich, dass das Runen-Symbol mit sehr unterschiedlichen Erinnerungen besetzt wurde. In Deutschland wurde es mit dem Beginn der Auseinandersetzung der Generationen gegen Ende der sechziger Jahre zum Synonym für die Schuld einer Nation am Holocaust und der Grund für eine tief sitzende Scheu vor jeder Form der nationalen Selbstdarstellung. Erst der Fußball konnte diese Furcht erstmals auflösen. In Großbritannien dagegen wird das Hakenkreuz nicht in erster Linie mit dem grauenvollen Massenmord assoziiert, sondern mit dem militärischen Sieg und der Befreiung Europas von der Hitler-Tyrannei. Und dieser Sieg war nicht nur glorreich an sich, er bildete auch die Plattform, auf der die Briten nach den Wirren des Krieges und dem Niedergang ihres Empires ihre nationale Identität aufbauten. Der totale Ausnahmezustand, die akute Bedrohung durch Görings Luftwaffe hat ein Volk zusammengeschweißt, das sich ansonsten immer schwer damit getan hat, eine kollektive Identität zu entwickeln. Die Völker Europas ließen sich im 20. Jahrhundert immer wieder von politischen Utopien einlullen und probten den Aufstand. Die Briten dagegen waren gegen diese Versuchung immun. Gleichzeitig allerdings lieferte ihr individualistisches Dasein aber auch wenig Verbindendes – bis die deutsche Luftwaffe kam. Die Luftschlacht um England schweißte das Land zusammen. Gemeinsam stellte sich die Nation der größten Bedrohung ihrer Geschichte und ging am Ende auch noch siegreich daraus hervor. So darf es gar nicht verwundern, dass die Deutschen und der Krieg für so viele eine so wichtige Rolle in der britischen Selbstwahrnehmung spielen. Der Krieg war der letzte Augenblick, in dem jeder Bewohner des Inselreiches wusste, was es bedeutete, britisch zu sein. Deshalb scheint es überraschend, wenn jetzt bei Grass Umsicht vorherrscht. Das hat aber seinen Grund. In Zeiten akuter Bedrohung durch global agierende Terrornetzwerke taugt die deutsch-britische Kriegsvergangenheit nicht mehr für die Identitätsstiftung.

Die Briten stehen jetzt vor einer ganz neuen Identitätsfrage. Junge britische Moslems, die in zweiter Generation hier leben, haben einen Terroranschlag von furchterregender Dimension geplant. Wie kann das Land mit seiner ethnischen und religiösen Vielfalt umgehen? Und welche Symbole des Britischseins gibt es, die für alle gleichermaßen gültig sein können? Da haben die Deutschen als Feindbild ausgedient und auch ein Bekenntnis von Grass kann das nicht mehr ändern.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben