Politik : Die Hehler der Nazis

Bernhard Schulz

Innerhalb weniger Monate hat das Thema des "NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturguts" eine breitere Öffentlichkeit erreicht. Tagungen in Köln und unlängst in Hamburg haben die Bemühungen der Museen verdeutlicht, sich den Restitutionsforderungen und darüber hinaus dem Generalverdacht, sie horteten unrechtmäßigen Besitz, zu stellen. Die Geschichte des NS-Kunstraubes zeichnet sich allmählich in ihrem ganzen Ausmaß ab.

Der amerikanische Historiker Jonathan Petropoulos legt nun bereits sein zweites verdienstvolles Buch zu diesem Thema vor. Sein erstes Buch, "Kunstraub und Sammelwahn", erschien 1999 auf Deutsch. Für das darauffolgende Buch "The Faustian Bargain" steht die Übersetzung leider noch aus. Den Auror interessiert der Umstand, dass diese Fachleute "die Fähigkeit hatten, sich dem Widerstand anzuschließen, stattdessen aber den Weg der Kollaboration einschlugen". Petropoulos hebt durchaus nicht den moralischen Zeigefinger; vielmehr legt er an Hand von zwanzig Personen dar, wie eng die Verführung durch die Macht und die Erosion des Rechtsempfindens ineinander griffen - um die Beteiligung an Maßnahmen vor dem eigenen Gewissen zu rechtfertigen. Doch Moral ist das eine, das tatsächliche Handeln etwas anderes: "Den Kunstexperten mangelte es nicht allein an Mut und Integrität; in den meisten Fällen trugen sie Verantwortung für kriminelle Handlungen", resümiert Petropoulos.

Ist "The Faustian Bargain" eher als Beitrag zur Mentalitätsgeschichte der intellektuellen Eliten im Dritten Reich zu lesen, so konzentrierte sich zuvor das Interesse auf den vom NS-Regime und seinen zahlreichen, konkurrierenden Machtgruppen verübten Kunstraub. Auch Anja Heuss verfolgt in ihrer Untersuchung "zur Besatzungspolitik der Nationalsozialisten in Frankreich und der Sowjetunion" die Politik insbesondere von Himmler und Rosenberg. Sie lenkt aber die Aufmerksamkeit zugleich auf die Rolle der beteiligten Wissenschaftler: "Der Kulturgutraub wurde zu großen Teilen von Experten auf ihrem jeweiligen Gebiet durchgeführt, also von Kunsthistorikern, Museumsbeamten, Archivaren und Bibliothekaren." Anja Heuss prägt den Begriff "Kulturgutraub" anstelle von "Kunstraub", um deutlich zu machen, dass es den NS-Vordenkern nicht allein um die materiellen Werte ging, sondern mehr noch um die Zerstörung des geistigen Leben der unterworfenen Völker.

Zahlreiche Raubkunstwerke fanden ihren Weg in die Schweiz, sowohl während des Krieges als auch danach, wo sie "reingewaschen" und in den Kreislauf des Marktes zurückgeführt wurden. Als Grenzfall galt stets die Versteigerung durch die Luzerner Galerie Theodor Fischer vom 30. Juni 1939, die für die als "verwertbar" erachteten Stücke aus der NS-Beschlagnahmungsaktion "Entartete Kunst" internationales Interesse weckte. Der Anschein der Rechtmäßigkeit, den die Nazis mit der Veräußerung in der neutralen Schweiz geben konnten, spiegelt zugleich das in dieser Hinsicht zurückhaltende Schweizer Rechtsempfinden.

"Die Schweiz war Umschlagplatz sowohl für Raubgut als auch für Fluchtgut", schreiben Esther Tisa, Anja Heuss und Georg Kreis in ihrem Buch "Fluchtgut - Raubgut", veröffentlicht in der 25-bändigen Reihe der offiziellen Expertenkommission zur Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Wenngleich die so genannten "Emigrantenauktionen" in der Schweiz nicht mit den einer Entziehung gleichkommenden "Judenauktionen" im Deutschen Reich gleichgestellt werden können, bleibt doch das Unbehagen an dieser mittelbar NS-bedingten Eigentumsumschichtung bestehen. Ein dunkler Punkt ist der Erwerb von Raubgut durch Privatsammler. Die Schweiz kümmerte sich vor 1940 nicht um den juristischen Status importierter Kunstwerke. So berufen sich Privatsammler bis heute auf die Rechtmäßigkeit ihrer Erwerbungen. Als Bindeglied zwischen dem Deutschen Reich und der Eidgenossenschaft fungierten vielfach jüdische Kunsthändler mit ihren weitverzweigten internationalen Beziehungen. Über den Umfang des in der Schweiz verbliebenen Raubgutes sind gesicherte Angaben allerdings bisher immer noch nicht möglich.

Der Umgang mit "verfolgungsbedingt entzogenen Kunstgütern" nach dem Untergang des NS-Regimes schien jahrzehntelang eine rein deutsche Angelegenheit. Tatsächlich aber verblieben auch in einigen anderen Ländern geraubte Kunstwerke in größerer Zahl. Beispiele dafür sind Frankreich und Österreich. Den skandalösen Umgang der wiederbegründeten Republik Österreich mit diesem Thema stellen Tina Walzer und Stephan Templ in ihrem Buch "Unser Wien" in den Zusammenhang der vorangegangenen "Arisierungen". "Im Raubzug gegen ihre jüdischen Nachbarn spielten die Wiener eine Vorreiterrolle", lautet die These der Autoren, die sie mit einer Fülle penibel recherchierter Einzelfälle untermauern.

Nach 1946 verschanzte sich die Republik hinter einer restriktiven Ausfuhrgesetzgebung, um die - vielfach zunächst in die Hände hochrangiger NS-Funktionäre und sodann in die Obhut von Museen gelangten - Kunstschätze im Land zu halten. So mussten Alteigentümer Teile ihrer Sammlungen als "Schenkungen" an die betreffenden Museen deklarieren, um ihren übrigen Besitz ausführen zu dürfen. Erst 1998 hat ein - dann jedoch tiefgreifendes - Umdenken eingesetzt, in dessen Folge ein eigenes "Kunstrückgabegesetz" den Weg zu zahlreichen Restitutionen bahnte. Allerdings verweisen die Autoren auf die seit September 2001 öffentlich zugängliche Sammlung Leopold, die mehrere Hauptwerke der österreichischen Moderne von zumindest zweifelhafter Provenienz besitzt.

Mit den hier vorgestellten Veröffentlichungen bessert sich erneut der Kenntnisstand zum Gesamtkomplex der NS-Raubaktionen. Und dennoch - der Weg bis zu einer annähernd vollständigen Übersicht, nicht zuletzt im Hinblick auf die Auswirkungen der NS-Aktionen nach dem Ende des Krieges, bleibt weiterhin sehr lang.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben