Politik : Die Heimatfront wankt

Matthias Thibaut

Kritik in der Presse, Skepsis in der Öffentlichkeit, zögerliche Äußerungen von Militärseite und widersprüchliche Bemerkungen in den eigenen Regierungsreihen haben den britischen Premier zu einer Moral stärkenden Offensive an der Heimatfront gezwungen. Bevor Tony Blair zu einer erneuten Nahost-Mission nach Israel flog, appellierte er in einer kämpferischen Rede vor dem Regionalparlament von Wales erneut an das moralische Rückgrat der Briten.

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Themenschwerpunkte: Krieg - Afghanistan - Bin Laden - Islam - Fahndung - Bio-Terrorismus
Fotostrecke: Der Krieg in Afghanistan Osama bin Laden und seine Helfer seien "die erklärten Feinde von allem, wofür die zivilisierte Welt steht", sagte Blair. Der Krieg gegen ihn sei gerecht und werde konsequent zu Ende geführt. "Nie dürfen wir vergessen, was wir gefühlt haben, als die Flugzeuge in die Türme in New York flogen", sagte Blair. "Nie dürfen wir die hämischen Drohungen von Osama bin Laden und seinen Propagandavideos vergessen."

Mangelnde Kriegserfolge und wachsende zivile Opfer haben drei Wochen nach Beginn der Afghanistan-Kampagne den Skeptikern Auftrieb gegeben. Nach einer Umfrage des "Guardian" ist die Unterstützung für die Militäraktionen in Afghanistan um 12 Prozent auf 62 Prozent zurückgegangen. Überproportional stark gesunken ist die Unterstützung bei Jüngeren. Über die Hälfte haben sich für eine Pause der Bombardierungen im Fastenmonat Ramadan ausgesprochen.

Der frühere Außenminister Robin Cook, als Fraktionschef im Unterhaus nun Mitglied des britischen "Kriegskabinetts", spielte diesen Verlust an Unterstützung als "winzig" herunter. Doch die breit angelegte Moraloffensive von Downing Street zeigt, wie ernst Blair die Situation nimmt. Sein Pressechef Alastair Campbell war zuletzt in Geheimmission in die USA geflogen, um die gemeinsame Linie mit dem Weißen Haus abzustimmen. Äußerungen von US-Verteidigungsminister Rumsfeld, der die Taliban für alle zivilen Opfer der amerikanischen Bombenangriffe verantwortlich machte, gelten als ein Resultat dieser neuen amerikanisch-britischen Abstimmung im Propagandakrieg.

Downing Street verglich die Stimmung mit den Zweifeln an den Luftschlägen in der Kosovo-Krise, die schließlich doch dazu geführt hätten, dass Milosevic vor das UN-Tribunal gestellt wurde. Es sei die Presse, die nach drei Wochen Kriegsaktionen gelangweilt sei und "eine neue Story" wolle.

Blair warb wohl auch um Unterstützung für den nächsten militärischen Schritt, bei dem früher oder später britische Truppen zum Einsatz kommen sollen. Gestern wurden weitere 800 Angehörige der bergtüchtigen Royal Marines für den Afghanistaneinsatz abgestellt und mit Winterausrüstung versorgt. Hohe Militärs warnten jedoch vor einem "überhasteten" Einsatz und forderten mehr Vorbereitungszeit für die Soldaten. Verteidigungsminister Geoff Hoon deutete an, die Truppen könnten sogar erst im nächsten Jahr zum Einsatz kommen - womit er unwillentlich die Zweifel an den Erfolgsaussichten der Militärkampagne noch mehr schürte.

Besondere Besorgnis erregt auch die Haltung der 3 Millionen Muslime. "Nicht wir sind im Krieg mit dem Islam, es ist Al-Quaida und die Taliban, die im Krieg mit uns stehen", sagte Blair. Doch 91 Prozenz der britischen Muslime glauben laut einer Radio-Umfrage, dass der Westen im Krieg mit dem Islam stehe. 2 Prozent würden in dem Konflikt für Großbritannien, 48 Prozent aber für bin Laden kämpfen. Die britische Islamistengruppe Al-Muhajiroun behauptet, "Tausende" britischer Muslime kämpften bereits in Afghanistan.

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