Politik : Die Hesse komme

Hans Monath

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Der Hesse an sich genießt unter den deutschen Stämmen völlig zu Unrecht einen mittelmäßigen Ruf. Alle Welt weiß, was Bayern Deutschland und der Welt schenken (Laptops und Lederhosen), woher schwäbelnde Poeten und badisch sprechende Denker kommen (Tübingen, Messkirch) oder wo Luthers Wartburg steht (Thüringen). Aber das von Roland Koch regierte Hessen nimmt im Corporate-Identity-Top-Ranking der Bundesländer noch immer keinen Spitzenplatz ein. Dabei reklamiert das Land mit dem berühmten Ort Bad Hersfeld nicht nur den geografischen Mittelpunkt Deutschlands für sich. Es ist auch in vielen anderen Hinsichten unschlagbar: Immer wieder beweisen die Menschen zwischen Kassel, Marburg und Darmstadt, dass sie längst in einer Zukunft angekommen sind, von der andere Bundesländer noch nicht einmal träumen. Sie verfügen mit Mainhattan über die atemberaubendste Skyline Deutschlands. Mit Heinz Schenk und seinem „Blauen Bock“ sorgte der Hessische Rundfunk schon für Prime-Time-Knüller, als andere Landesrundfunkanstalten noch simple Heimatfilme ausstrahlten. Auch in grundlegenden Fragen der politischen Kultur beweisen die Hessen Modernität. Bereits jetzt erwägen sie im Zweistromland zwischen Main und Eder allen Ernstes, die Todesstrafe abzuschaffen. Bei der Totalreform der Verfassung, die sich eine Enquete-Kommission des Landtags vorgenommen hat, soll die Bestimmung fallen, die Bürgern Hessens bei besonders schweren Verbrechen bis heute mit dem Maximal-Punishment droht. Damit nicht genug: Die Hessen wollen auch noch ihre Adligen aus dem politischen Bann erlösen. Denn die Verfassung verbietet ihnen bis heute, sich in Wiesbaden zum Minister ernennen zu lassen. Hessen zeigt uns die Zukunft. Wenn nicht irgendeine große Partei noch überraschend eine „signature campaigne“ (Unterschriftenaktion) gegen die Verfassungsreform ins Leben ruft.

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