Politik : Die Hoffnung kommt aus der Luft

Die ersten Soldaten aus Nigeria sind in Monrovia gelandet – sie sind aber nur die Vorhut der Truppe

Wolfgang Drechsler[Kapstadt]

FRIEDENSTRUPPE IN LIBERIA

Von Wolfgang Drechsler,

Kapstadt

Die ersten Bilder sind wackelig und reichlich unscharf: Nur schemenhaft lassen sich darauf Soldaten erkennen, die aus einem Hubschrauber springen und am Rande der Landebahn im Gras verschwinden. Wenige Minuten später, um exakt 10 Uhr 30, schweben zwei weitere Helikopter ein und entladen ihre Ladung: nigerianische Friedenssoldaten, die ebenfalls umgehend mit der Sicherung des Rollfelds und des Flughafenterminals beginnen. Sie sind das seit langem angekündigte kleine Vorauskommando einer mehrere tausend Mann starken Blauhelmtruppe, die nach fast zwei Monaten die blutigen Kämpfe zwischen der Regierung von Charles Taylor und den beiden Rebellengruppen in Liberia beenden soll.

Doch bis es dazu kommt, dürfte noch einige Zeit verstreichen: Während die nigerianischen Soldaten am Montag am Flughafen mit dem Aufbau eines Basislagers für die in Kürze erwarteten Truppenkontingente aus anderen Staaten Westafrikas begannen, wurde im 50 Kilometer entfernten Monrovia weiter heftig gekämpft. Noch am Vormittag war die liberianische Hauptstadt, wie so oft in den letzten acht Wochen, unter Granatenbeschuss der Rebellen geraten. Beide Seiten versuchen offenbar, unmittelbar vor dem Einsatz der Friedenstruppe an der Kriegsfront, so viel Boden wie möglich zu gewinnen, um später aus einer Position der Stärke heraus verhandeln zu können.

In einigermaßen gutem Zustand ist nach den schweren Kämpfen allein noch das John F. Kennedy Hospital, wo Mitarbeiter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz Kriegsverletzte und Unfallopfer pflegen. Am Stadtrand liegt auch das große Sportstadion, benannt nach dem zu Tode gefolterten ehemaligen Diktator Samuel Doe. Fußball wird hier schon lange nicht mehr gespielt: Unter der Tribüne sind in Fluren und Umkleidekabinen rund 40 000 Kriegsflüchtlinge eingepfercht. Im ersten Stockwerk sind Frauen mit Kochen und Wäschewaschen beschäftigt. Die Kunde vom Eintreffen der ersten Friedenssoldaten verbreitet sich hier wie ein Lauffeuer. Bei vielen, die in dieser Hölle leben, keimt nach Wochen der Verzweiflung etwas Hoffnung auf. Niemand weiß genau, wie viele Vertriebene in Monrovia leben. Schätzungen reichen bis zu 250 000 Menschen, die jede nur halbwegs brauchbare Behausung übernommen haben.

Mit der Ankunft der ersten Friedenstruppen gibt es neue Spekulationen über eine Übergangsregierung. Aber eine politische Klasse gibt es in Liberia eigentlich nicht – und entsprechend mangelt es an personellen Alternativen. Zudem sollen nach dem Willen der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas weder gegenwärtige Regierungsmitglieder noch Vertreter der Rebellen an der Spitze einer Übergangsregierung stehen. Dennoch scheint mit der Ankunft der Nigerianer ein Wendepunkt erreicht zu sein: In den nächsten Tagen sollen nun zunächst weitere Soldaten aus den Nachbarstaaten Ghana, Mali, Benin und Senegal folgen. Spätestens am 1. Oktober sollen die Afrikaner dann von einer Gruppe internationaler Blauhelmsoldaten abgelöst werden.

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