• Die Hoffnungen auf mehr Demut und Bürgernähe der Behörden haben sich sechs Monate nach der Naturkatastrophe zerschlagen

Politik : Die Hoffnungen auf mehr Demut und Bürgernähe der Behörden haben sich sechs Monate nach der Naturkatastrophe zerschlagen

Susanne Güsten

Gülsen Özer wollte dem Provinzgouverneur persönlich ihre Meinung über die staatliche Erdbebenhilfe sagen. Die junge Frau aus dem nordwesttürkischen Bolu, die seit den schweren Beben dort in einem Zelt hauste, passte Nusret Miroglu vor seinem Gouverneurspalais ab und trat ihm auf den Stufen entgegen, um sich über die bürokratischen Winkelzüge zu beschweren, mit der ihr eine Umzugsbeihilfe verweigert wurde. Gouverneur Miroglu hörte sich die ungewohnten Töne nicht lange an, sondern langte zu: "Klatsch" machte es, und die Querulantin hatte eine Ohrfeige sitzen.

Hatten viele Türken nach dem Fiasko der staatlichen Hilfe in den ersten Tagen nach dem katastrophalen Erdbeben vom 17. August gehofft, die Machthaber würden sich künftig etwas demütiger gebärden, so hat sich diese Hoffnung sechs Monate später schon wieder zerschlagen. Statt mehr Demokratie und Dialog bekommen die Erdbebenopfer wie ehedem die volle Arroganz der Macht zu spüren.

Ein Proteststurm ging nach dem Beben durch die türkische Öffentlichkeit, als sich das volle Ausmaß des staatlichen Versagens bei den Rettungsarbeiten offenbarte. Tagelang bekam der Krisenstab in Ankara die Situation nicht in den Griff, während private Rettungsgesellschaften und ausländische Helfer schon längst mit Räumgerät und Feldlazaretten vor Ort waren und gegen die Zeit arbeiteten. Selbst den sonst sehr obrigkeitshörigen Türken wurde es da zu bunt. Die Presse nahm bei der Kritik am Staat kein Blatt mehr vor den Mund, und im Erdbebengebiet gingen die Obdachlosen zu Tausenden auf die Straße. Ministerpräsident Bülent Ecevit räumte schließlich ein, es sei nicht alles optimal gelaufen.

Mehr Selbstkritik hat es aber nicht gegeben, und die Kritiker mussten bald büßen. Der private Fernsehsender NTV, der lange vor den staatlichen Stellen im Erdbebengebiet ankam und den Türken das ganze Ausmaß der Katastrophe live vor Augen führte, bekam wegen defätistischer Berichterstattung ein Sendeverbot verpasst, das derzeit von den Gerichten überprüft wird. Und die Demonstrationen von obdachlosen Erdbebenopfern werden wie eh und je von Anti-Terror-Einheiten gewaltsam aufgelöst. Mit Knüppeln fuhren die Sicherheitskräfte schon Wochen nach dem Beben in ein Knäuel von Menschen hinein, die vor dem Gouverneurssitz in der Provinz Adapazari um Zelte bettelten. Und erst am vergangenen Wochenende wurden in Düzce wieder Demonstranten festgenommen, weil sie auf ihre Lage aufmerksam machen wollten.

Die Situation im Katastrophengebiet ist auch ein halbes Jahr nach dem gewaltigen Erdstoß vom 17. August noch längst nicht gemeistert. Mehr als 130 000 Menschen hausen trotz des bitteren Winters noch in Zelten; weitere 50 000 sind in Wohncontainern untergebracht. Die Lebensbedingungen in den Lagern sind miserabel: Auf hundert Menschen kommt dort nach einer UN-Studie nur eine Dusche, eine Toilette muss für fast 60 Benutzer ausreichen. Die meisten Kinder in den Zeltlagern leiden nach Unicef-Erkenntnissen an Unterernährung.

Die Behörden in den fünf Erdbeben-Provinzen haben aber andere Sorgen. Der Gouverneur der Katastrophenprovinz Yalova geriet zu Jahresbeginn in die Schlagzeilen, weil er sich mit Mitteln aus der Erdbebenhilfe die Residenz sanieren und dabei unter anderem einen Whirlpool einbauen ließ. Das Sprudelbad sei kein unangemessener Luxus, erwiderte er seinen Kritikern ungerührt. Und weil seine Kollegen ein ähnlich unterentwickeltes Taktgefühl haben, bedurfte es einer schriftlichen Anweisung von Innenminister Sadettin Tantan aus Ankara, damit die Gouverneure aufhörten, in Luxus-Geländewagen und mit Begleitkonvois durch die Zeltstädte zu rasen. Bei unbotmäßigen Beschwerden endet allerdings auch die Bürgernähe des Innenministers: Was die Ohrfeige für Gülsen Özer angehe, so sei der Gouverneur im Recht gewesen, entgegnete Tantan jetzt auf eine parlamentarische Anfrage. Schließlich habe die Frau mit ihren Beschwerden den Staat verleumdet.

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