Politik : "Die Holocaust-Industrie": Der Eifer des Missionars

Oliver Schmolke

Norman G. Finkelstein glaubt, gegen mächtige Gegner anzuschreiben. Nur so lässt sich nachvollziehen, mit welcher maßlosen Polemik er ein Thema behandelt, das nach aller historischen Einsicht ein äußerstes Maß an Sensibilität verlangt. Sein Zorn auf jenes angebliche Netzwerk von amerikanischen-jüdischen Institutionen und Intellektuellen, die sich als Wächter der Erinnerung an die Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden betrachten, treibt ihn zu Verzerrungen. Die Angriffe sind verdichtet im Titel des jetzt auf Deutsch erschienenen Buches: "Holocaust-Industrie" bedeutet mehr als der Vorwurf einer Vermarktung, Kommerzialisierung oder Instrumentalisierung des Leids, den schon viele Autoren in den USA, in Israel und in Deutschland erhoben haben. Dennoch: Es wäre gut gewesen, wenn die Diskutanten das Buch wirklich zur Hand genommen hätten.

Finkelstein bezeichnet die NGOs der Überlebenden als eine Industrie - und überzieht mit dieser Kritik ganz bewusst, ja tut denen Unrecht. Sollte also sein vergangenes Jahr erstmals publiziertes Buch in Deutschland gar nicht erscheinen dürfen? Ein diskussionsunwürdiges Pamphlet, wie die "Zeit" befand? Der Autor "ein Verrückter", dessen Anschuldigungen man nicht ernst nehmen könne, wie Elan Steinberg vom Jüdischen Weltkongress sagte?

Am Anfang steht auch bei Finkelstein das Vermächtnis derer, die den Vernichtungslagern entkamen. Beispielhaft erzählt er von seinen Eltern, deren Familien unter dem Nationalsozialismus ausgelöscht wurden. Die Vereinzelung, das bittere Misstrauen, das öffentliche Schweigen und Beschweigen der Überlebenden, das in den 50er Jahren nicht nur in Deutschland, sondern unter anderen Bedingungen auch in den USA und sogar in Israel dominierte - das alles stellt Finkelstein einer politischen Inszenierung jüdischen Leidens in der Gegenwart gegenüber. Steven J. Zipperstein, Professor für Jüdische Studien an der Stanford Universität, schrieb in seiner Rezension für die "Washington Post", Finkelsteins Buch erkenne nirgendwo an, welche "fürchterliche Macht" der Holocaust dabei entfaltete, "jene zu traumatisieren, die ihn überlebten".

Doch das gerade leugnet Finkelstein nicht, was in der Schilderung des Schicksals seiner Eltern klar wird. Er weigert sich indes, das Leid der Juden für einzigartig zu erklären: "Es ist schon seit langer Zeit überfällig, dass wir unser Herz für das Leiden der übrigen Menschheit öffnen. Das war die wichtigste Lektion, die mir meine Mutter auf den Weg gab." Die Lektüre zeigt, dass Finkelstein die Absicht hat, die Würde jedes einzelnen Opfers - jüdisch oder nichtjüdisch - vor den machtpolitischen Zugriffen, vor der Hierarchisierung der Opfergruppen, vor der stolzen Zurschaustellung eines nationalen Martyriums zu bewahren.

Im August vergangenen Jahres eröffnete die "Süddeutsche Zeitung" die Debatte in Deutschland. Zu diesem Zeitpunkt lagen bereits positive Besprechungen der "Holocaust-Industrie" in England vor. Der "Economist" schrieb, auch wenn Finkelstein "obsessiv ist und Phrasen drischt", "seine grundlegende These, dass man die Erinnerungen an den Holocaust entwürdigt, ist ernst und sollte gebührend beachtet werden." Es ist also keine ganz einsame und sicher richtige Entscheidung der Münchner Redaktion gewesen, Norman G. Finkelstein ein Podium zu geben.

Intellektuell unfruchtbar hingegen und je nach Temperament ängstlich oder überheblich ist die Forderung, Finkelstein persönlich zu diskreditieren, ihn zu ignorieren oder zu isolieren. Dies gilt vor allem für die konkreten Vorwürfe Finkelsteins, die im dritten Kapitel präsentiert werden und auf die sich nun auch ein "Aktueller Nachtrag zur deutschen Ausgabe" bezieht. Haben die amerikanisch-jüdischen Organisationen, vor allem der Jüdische Weltkongress (WJC) und die Jewish Claims Conference, Schweizer Banken mit bewusst lancierten falschen Behauptungen in einer aggressiven Kampagne unter Druck gesetzt, um 1,25 Milliarden Dollar Entschädigung zu erhalten?

Finkelstein behauptet es. Die 1995 durch Presseveröffentlichungen aufgeworfene Frage, in welchem Umgang in der Schweiz nachrichtenlose Konten mutmaßlich jüdischer Inhaber aus der Zeit des Nationalsozialismus existierten, sei benutzt worden, um mit weit übertriebenen Schätzungen, sowohl was den Geldwert der Konten, als auch was die Zahl der Überlebenden angeht, ein schnelles Reparationsabkommen mit den Banken zu erzwingen. Die Ergebnisse des 1996 von beiden Seiten eingesetzten Untersuchungsausschusses unter Vorsitz des früheren US-Notenbankchefs Paul Volcker wurden, so Finkelstein, deshalb nicht abgewartet, weil die jüdischen Organisationen eine Minderung ihrer Forderungen fürchteten. Nach ersten Sammelklagen und Boykottmaßnahmen gegen Schweizer Kredithäuser kam es 1998 zum Vergleich. Der Volcker-Ausschuss legte seinen Bericht 1999 vor und wies die Anschuldigung zurück, die Banken hätten systematisch den Zugang zu Konten von Opfern der Naziverfolgung verhindert; in einer "Vielzahl von Fällen" sei ein aktives Bemühen der Banken zu erkennen, Kontoinhaber oder deren Erben zu suchen. Der Gesamtwert der Ansprüche wird im Volcker-Bericht nicht genannt.

Die Ungenauigkeiten jeder Schätzung sind groß. Raul Hilberg, der Autor des Standardwerks "Die Vernichtung der europäischen Juden", führt das auf objektive Schwierigkeiten zurück: Genaue Zahlen zu nennen, sei unverantwortlich. Individuelle Ansprüche im Detail zu klären kompliziert. Die Verantwortung dafür liegt nicht mehr in den Händen der Bankmanager, sondern der jüdischen Organisationen, die eine pauschale Entschädigung treuhänderisch entgegengenommen haben.

Finkelsteins zweiter zentraler Kritikpunkt ist, die schnelle Weitergabe des Geldes an die Überlebenden werde blockiert. Die Kompliziertheit individueller Verteilung, die er zur Entlastung der Schweiz anführt, lässt er in Bezug auf die Bearbeitung durch den Jüdischen Weltkongress und die Claims Conference nicht gelten. Vielmehr prangert er den Widerspruch an zwischen anfänglichen Forderungen nach schneller Auszahlung und der Praxis gemächlicher Sorgfalt, sobald sich das Geld auf den eigenen Konten befand.

So nachvollziehbar Finkelsteins Anklage in einigen Punkten ist, die Art seiner unterschiedslosen Verdammung des organisierten Judentums ist mit Fakten allein nicht zu untermauern. Zumal er keinen Alleinanspruch auf Kritik hat. Seit Jahren (und jetzt wieder) wird innerhalb der jüdischen Gemeinden und Interessengruppen mit Schärfe die Diskussion um eine Instrumentalisierung der Shoah geführt. "Commentary", die einflussreiche Monatszeitschrift des American Jewish Committee, schrieb im September vom "wachsenden Skandal" der Holocaust-Entschädigung und griff den Jüdischen Weltkongress in der Sache nicht weniger kompromisslos an als Finkelstein. Ein Gewinn wäre, wenn er daraus die naheliegende Konsequenz zöge, sich vom Gestus der verfolgten Unschuld zu lösen und an der Versachlichung der Auseinandersetzung mitzuwirken.

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