Politik : Die Identität kennt nur der Pilot

Rainer W. During

Es gibt sie, doch keiner kennt sie: die Sky Marshalls. Seit den Terroranschlägen vom 11. September in den USA werden auch auf deutschen Verkehrsflugzeugen bewaffnete Luftsicherheitsbegleiter eingesetzt, die Piloten und Fluggesellschaften zuvor stets vehement abgelehnt hatten. Verlief die Einführung der fliegenden Schutztruppe nach Gewerkschaftsangaben zunächst chaotisch, sollen sich laut "Focus" inzwischen 50 speziell geschulte Beamte des Bundesgrenzschutzes unter die Passagiere von Flügen mit besonderem Gefährdungspotential mischen. Angestrebt wird eine zunächst 200köpfige Flugsicherheits-Einheit.

Offiziell gibt man sich bedeckt: "Wir haben sie und wir setzen sie ein wo nötig", sagt Lufthansa-Sprecherin Monika Göbel knapp. "Aus Sicherheitsgründen" lehnt auch das Bundesinnenministerium Detailauskünfte ab. Für Flugkapitän Georg Fongern von der Pilotengewerkschaft Cockpit sind die einst ungeliebten Sky Marshalls das "kleinere Übel", seit der Terrorismus im Luftverkehr eine neue Dimension erreicht hat.

Am Anfang stand allerdings "reiner politischer Aktionismus", so der Vorsitzende der Bezirksgruppe BGS in der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Josef Scheuring. Zunächst seien die einzigen Beamten mit dienstlicher Flugerfahrung eingesetzt worden. Dies war eine "sehr kleine Gruppe" von Grenzschützern, die in der Vergangenheit - unbewaffnet - Abschiebehäftlinge bei der Rückführung begleitete.

Inzwischen wurden Rahmenbedingungen für die Ausbildung festgelegt und Lehrgänge abgehalten. Dabei tragen auch die Piloten zum Inhalt der Ausbildungsprogramme bei. Freiwillige für den Dienst an Bord gibt es genug, sagt Scheuring. Die Sky Marshalls müssen laut Innenminister Otto Schily "über körperliche Fitness, hohe psychische Belastbarkeit und eine entsprechende Berufserfahrung im polizeilichen Alltag verfügen". Ungeklärt sind laut GdP noch die Vergütung der Mehraufwendungen bei Auslandsreisen und die Regelung der Dienstzeiten. Sie sollten nach Gewerkschaftsmeinung denen des Luftfahrtpersonals angeglichen werden.

Bis zu drei Grenzschützer in Zivil bilden ein Team, das sich auf strategisch bedeutsamen Plätzen an Bord verteilt. Das gilt als notwendig, denn immerhin beträgt die Kabinenlänge zwischen Heck und Cockpit bei einem Jumbo-Jet gut 60 Meter. Die Sicherheitsbeamten sind nur dem jeweiligen Flugkapitän bekannt, gegenüber dem Chef der Kabinenbesatzung wird lediglich die Identität des Einsatzleiters gelüftet. Weil eine Beschädigung der Druckkabine in großer Flughöhe fatale Folgen haben könnte, sind die Sky Marshalls mit Waffen ausgestattet, die Menschen außer Gefecht setzen können, ohne die empfindliche Flugzeugtechnik zu gefährden. "Wir gehen davon aus, dass geeignete Einsatzmittel zur Verfügung stehen", sagt Josef Scheuring. "Sonst wäre das ein ganz gefährliches Abenteuer."

Für Mirko Vorwerk von der Flugbegleiter-Gewerkschaft UFO zählt der psychologische Effekt. "Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, es ist jemand da." Wichtiger wären aus seiner Sicht aber effektivere Sicherheitskontrollen am Boden, die verhindern, dass bewaffnete Attentäter überhaupt an Bord gelangen.

Mit betrunkenen oder randalierenden Fluggästen müssen die Besatzungen trotz Polizeibegleitung auch künftig allein fertig werden. Die so genannten "Unruly Passengers" fallen nicht in den Zuständigkeitsbereich der Luftsicherheitsbegleiter, die Flugzeugentführungen und Terroranschläge verhindern sollen. So brauchten die deutschen Sky Marshalls bisher in keinem Fall ihre Identität zu lüften.

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