Politik : Die Iraker sind noch nicht eingenommen

TOD DER SADDAM-SÖHNE

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Von Christoph von Marschall

In Europa gehört Respekt vor dem Leben zu den höchsten Gütern. Man zögert, sich über den Tod selbst der schlimmsten Verbrecher zu freuen – zu denen Saddam Husseins Söhne gewiss gehörten. Darf man es eine gute Nachricht nennen, dass sie ihr Volk nicht mehr quälen können? Sie enthält immerhin das Signal an die verängstigt abwartenden Bürger, die dem Wandel nicht trauen: Das alte Regime kehrt nicht zurück, die Nachfolger sind nicht mehr am Leben.

George W. Bush und Tony Blair verschafft das eine Atempause nach all den bösen Schlagzeilen über tägliche Anschläge, Misserfolge der Kriegskoalition beim Aufbau einer neuen Ordnung und den Kriegslügenvorwürfen. Amerika macht sich Mut: Wer Udai und Kusai aufspürt, wird auch Saddam schnappen; und der Widerstand wird nun schwächer, weil die zwei Symbolfiguren nicht mehr am Leben sind, die Leibwache, Geheimdienste und die als Guerilla vorgesehenen Fedajin befehligten.

Also beginnt jetzt endlich die Nachkriegszeit? Das ist nur die Hoffnung. Bisher ist unklar, ob der Coup einer systematischen Einkreisung oder einem einmaligen Tipp zu verdanken ist. Dass die Söhne im kurdischen Mossul erwischt wurden, könnte zwar darauf hinweisen, dass sie vor dem Verfolgungsdruck im Clangebiet um Tikrit geflohen sind. Aber auch das ist Spekulation. Der Irak ist ein riesiges Land, größer als das vereinte Deutschland. Von den 140 000 USSoldaten ist nur ein kleiner Teil für die Fahndung abgestellt. Saddam gelingt es immer wieder, auf Tonbändern zum Widerstand aufzurufen, offenbar auch gestern – das spricht gegen die These vom hohen Verfolgungsdruck.

Die Anschläge auf US-Truppen werden zunächst wohl sogar zunehmen. Saddams Clan dürstet nach Rache. Zudem werden die täglichen Überfälle ja nicht allein den abgetauchten Anhängern des Diktators zugeschrieben. Der Widerstand, der den Amerikanern entgegenschlägt, erwächst aus ganz verschiedenen Kräften. Sie sind oft verfeindet, aber alle eint das Ziel, die Besatzer zu vertreiben. Auch durch den Widerstand suchen sie sich Vorteile im Kampf um die künftige Macht zu sichern. Neben dem Tikrit-Clan, der wohl noch loyal zu Saddam steht, gibt es sunnitische Gruppen, die wieder einen von ihrer Minderheit geführten säkularen Staat anstreben. In der schiitischen Mehrheit rivalisieren verschiedene Strömungen um die Ehre, die Fremdherrschaft am wirksamsten zu bekämpfen. Manche Tötungen dürften auf Blutrache zurückzuführen sein, ohne politischen Hintergrund. Familien, die Angehörige bei einer Hausdurchsuchung oder gewaltsamen Protesten verlieren, rächen sich dafür an den Besatzern. Bisher glauben die Experten nicht an eine zentrale Steuerung aller Überfälle – doch ohne Zusammenhang sind sie auch nicht. Einige Anschläge lassen auf große Kenntnis der Infrastruktur schließen.

Es ist wichtig, den Diktator rasch zu fassen. Wichtiger noch, als es in Afghanistan war, Osama bin Laden zu erwischen, Bushs bis heute verpasstes Kriegsziel. Für die meisten Afghanen verkörperte auch der Araber bin Laden Fremdherrschaft; der Grad des Widerstands gegen westliche Truppen, das zeigte sich, hing nicht von seinem Leben oder Sterben ab. Und Al Qaida ist ein dezentrales Terrornetz, in dem die Untergruppen ziemlich unabhängig agieren. Saddam Husseins Irak dagegen war ein zentralistischer Staat, in dem alle Strukturen und die Propaganda auf diesen Führer und seine Familie ausgerichtet waren. Viele Bürger werden erst am Aufbau der neuen Ordnung mitwirken, wenn das alte System sichtbar zerschlagen ist – wozu es gehört, den Diktator zu fassen.

Das ist das eigentlich Beunruhigende: Noch ist es Amerika nicht gelungen, einen namhaften Teil der Bevölkerung für sich und für den Aufbau eines Staates mit etwas mehr Demokratie, Rechtsstaat und Minderheitenschutz einzunehmen. Die Armee der Diktatur und die BaathPartei zu verbieten, beides schien moralisch geboten zu sein. Aber diese Ausgrenzung und der Verdienstausfall haben all die kleinen Mitläufer aufgebracht, deren Erfahrung Amerika für Polizei und Verwaltung benötigt. Zu langsam werden solche Fehler korrigiert.

Der Tod der Söhne schenkt Bush einen kleinen Propagandaerfolg. Mehr nicht, schon gar nicht über den Tag hinaus.

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