Politik : Die Kanzlerin serviert keinen Kaffee Von Harald Martenstein

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Während der Fußball-WM dachte ich wieder einmal, dass ich Angela Merkel mag. Wenn sie die Fäuste ballt und vor Begeisterung quiekt, wirkt sie so normal. Normal mag man halt. Kohl und Schröder hatten immer ein bisschen was Schauspielerhaftes. Kohl und Schröder schienen bei ihren Auftritten in jedem Augenblick zu denken: „Ich bin der Kanzler. Wahnsinn.“ Angela Merkel scheint, sogar in der Öffentlichkeit, hin und wieder zu denken: „Ich bin die Angela Merkel.“ Aus Zuneigung zu Angela Merkel habe ich mit aller Kraft versucht, die Gesundheitsreform zu verstehen, aber es ist mir nicht gelungen. Damals, bei Hartz IV, war es so ähnlich. Ich habe Hartz IV nicht verstanden, es ist für einen Normalo wie mich so kompliziert wie Quantenphysik oder wie die Lektüre der Schriften von Hegel. Die Quantenphysik funktioniert, so wird wenigstens behauptet, aber Hartz IV funktioniert bekanntlich überhaupt nicht. Die Gesundheitsreform soll angeblich ebenfalls nicht funktionieren.

Bei diesen so genannten Reformen der letzten Jahre muss ich an den Film „Zurück in die Zukunft“ denken. Es gibt da einen verrückten Erfinder, der wahnsinnig komplizierte Maschinen baut, zum Beispiel um morgens Toastbrot zu toasten oder um Kaffee in eine Tasse zu gießen. Diese Maschinen sind riesig, sie nehmen die halbe Küche in Anspruch, und am Ende funktionieren sie trotzdem nicht.

Angela Merkel regiert, glaube ich, in der gleichen Weise, wie die Italiener Fußball spielen. Sie kann jeden Gegner ausdribbeln, sie steht hinten in der Abwehr gut gestaffelt, sie spielt auf Sicherheit, defensiv, ein 1:0 oder ein 0:0 reicht ihr, Hauptsache, sie erreicht die nächste Runde. Sie wartet den richtigen Moment ab, um zuzuschlagen, es kann auch in der letzten Spielminute sein. Ich hätte gerne, dass sie so spielt wie die Deutschen unter Klinsmann, offensiv, auf Risiko, kämpferisch und mit großen Zielen, eigensinnig, ohne sich von den Bürokraten und von den Status-quo-Verwaltern bremsen zu lassen.

Leider haben die Italiener gewonnen, und die Deutschen sind nur Dritte geworden. Angela Merkel hat zugeschaut, sie wird sich bestätigt fühlen. Jetzt baut die Regierung weiter an ihren großen, komplizierten Maschinen, die alle Interessengruppen, alle Parteiströmungen, alle Ministerpräsidenten und alle denkbaren Einwände berücksichtigen, hochdifferenzierte, ästhetisch interessante Geräte, mit denen man sich nur leider keine Tasse Kaffee eingießen kann.

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