Politik : Die Kanzlerwahl

Von Gerd Appenzeller

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Was für ein dramatischer Wahlabend! Was für eine unglaubliche Aufholjagd des schon als geschlagen abgestempelten Bundeskanzlers und seiner Partei. Welch unglaublicher Einbruch in der Wählergunst für Angela Merkel und die Union, die sich als sichere Sieger dieser vorgezogenen Bundestagswahl gesehen hatten. Deutschlands politische Karte ist jetzt zweigeteilt – der ganze Norden und Osten ist sozialdemokratisch rot, der Süden zwar weiter CDU/CSUdominiert schwarz, aber mit enormen Verlusten für beide Parteien.

Kam Kandidatin Merkel in Nordrhein- Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg nicht an, so, wie Kandidat Stoiber 2002 an der mangelnden Akzeptanz im Norden der Republik scheiterte? Schröder meldet jedenfalls für sich kaltschnäuzig die Führungsrolle in einer großen Koalition an – die um Fassung bemühte Herausforderin hatte wohl weder die Nachwahl in Dresden noch die Überhangmandate auf der Rechnung. Beides könnte die SPD auf gleiche Mandatsstärke wie die Union katapultieren. 48 Prozent der Stimmen waren der Union im Sommer prognostiziert worden, um die 35 sind es nun geworden – eine Katastrophe. Im gleichen Zeitraum stieg die SPD aus einem 27-Prozent-Tal auf 34 Prozent, rund ein Prozent trennen die großen Volksparteien. Nichts ist geblieben von dem vermeintlichen Erdrutsch, obwohl sich das renommierte Institut für Demoskopie Allensbach noch am Freitagabend völlig sicher war: Deutschland wird ab Sonntag Schwarz-Gelb regiert.

Wo sind die Gründe für diese Schlappe? Eine Blamage ist das Unionsergebnis, deutlich schlechter noch als 2002 für Stoiber, der doch bei den Frauen und bei den Jüngeren nicht ankam. Und viel schlechter als die 42 bis 45 Prozent, die Bayerns Ministerpräsident jetzt Merkel als Ziel vorgab. Was die besonders schmerzen muss: Das CDU-Ergebnis ist kaum besser als jene 35,1 Prozent von 1998, mit denen Helmut Kohl als Kanzler abgelöst wurde.

Die Erklärung, viele traditionelle CDU-Wähler hätten diesmal die FDP gewählt, um den Wechsel auch sicherzustellen, trifft zu, aber sie reicht als Deutung des Phänomens nicht aus. Ob der Abstieg der Union nun von Stoibers Frust-Sprüchen oder Schönbohms Proletarisierungs-Vermutungen herrührt, oder ob sie dem von Paul Kirchhof ins Land getragenen Steuerreformstreit zuzuschreiben ist: Alles zusammen hat zu diesem Ergebnis geführt. Vor allem aber der mangelnde Zuspruch für sie im Süden der Republik muss der CDU-Vorsitzenden große Sorgen machen. Das Debakel wird zu ihrer ganz persönlichen Niederlage.

Die Ministerpräsidenten der Union haben Merkel vor der Wahl Unterstützung signalisiert. Aber da gingen sie von einem überzeugenden Wahlsieg ihrer Kandidatin aus. Wenn sie nicht Kanzlerin werden kann, sind auch ihre Tage als Parteichefin gezählt. Vermutlich wird sie dann nicht einmal die Opposition führen. Es ist also kein guter Abend für die CDU. Dabei waren ihre Chancen diesmal weit besser als 2002, als Irakkrise und Hochwasser dem Kanzler halfen, sich zu profilieren. Die Unionspleite ist hausgemacht – und die partei-interne Analyse der Gründe hat noch nicht einmal begonnen.

Schröder wird, wenn es keine große Koalition gibt, ein rot-gelb-grünes Bündnis zu schmieden versuchen. Er will sich das Heft des Handelns nicht aus der Hand nehmen lassen, er bestimmt, mit wem er spricht. Das denkt und sagt er: Das war eine Kanzlerwahl, und der Kanzler, das bin ich. Majestät lassen sich bitten.

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