• Die Karriere früh im Blick: Vom Bandenführer auf dem Schulhof zum kühl kalkulierenden Kanzler

Politik : Die Karriere früh im Blick: Vom Bandenführer auf dem Schulhof zum kühl kalkulierenden Kanzler

Klaus Dreher

Helmut Kohl hat beim Abstieg von der Macht eine Schar von Parteifreunden zurückgelassen, die jetzt offen ihre Wunden, Schrammen und Narben zeigen. Besonders unverblümt ließ Wolfgang Schäuble erkennen, dass seine einstige Kampfgemeinschaft mit Kohl in erbitterte Feindschaft umgeschlagen ist.

Er klagte den Altkanzler öffentlich an, ihn im Stich gelassen zu haben. Da klang Verbitterung durch. Und es wurde ihm bewusst, dass er sich selten mehr täuschte als in dem Augenblick, als er ihn durchschaut zu haben glaubte und behauptete, er könne in Kohls Gesicht "lesen wie in einem aufgeschlagenen Buch". Wäre das der Fall gewesen, hätte er nicht im Herbst 1990, als er, von der Kugel eines Attentäters getroffen, gelähmt in der Klinik lag und von Kohls Mitgefühl fast erdrückt wurde, angenommen, das geschehe aus purem Mitleiden. In Wirklichkeit sah Kohls Terminkalender vor, dass Schäuble vom Stuhl des Innenministers auf den des CDU/CSU-Fraktionschefs wechseln sollte. Kohl wollte ihn auch nie ernstlich zum Nachfolger im Kanzleramt berufen. Er hielt die Diskussion über den "Kronprinzen" Schäuble nur deswegen in Gang, weil er sich damit bequem die Nachfolgediskussion vom Leib hielt. Die Verstimmung zwischen ihnen fraß sich erst ein, als Schäuble beanspruchte, das Kanzleramt zu übernehmen.

Für Kohl, der sich von jeher an anderen Maßstäben orientiert als die meisten seiner Mitmenschen, liegt die Sache umgekehrt: nicht er entzog Schäuble die Loyalität, sondern der verhielt sich illoyal, indem er ihn, als er in Schwierigkeiten kam, bloßstellte. Er wollte ihn zu einer Art von Offenbarung treiben, die zu leisten Kohl unfähig war: zur Offenlegung der Namen der Spender, deren Geld durch seine Hände anonym in die schwarzen Kassen der Partei gelangte. Vermutlich hat es niemanden weniger verwundert als Kohl, dass sich die Schar derer, die noch zu ihm halten, stark verringert hat. Zwar gab er immer vor, die Menschen zu "lieben", aber im Grunde seines Herzens ist er ein Zyniker. Dass die meisten derer, die sich unter seinen weiten Mantel drängten, nur danach strebten, einen Zipfel seiner Macht zu erhaschen, wusste er schon früher. Vermutlich verachtet Kohl selbst diejenigen, die noch zu ihm halten. Eine davon ist die Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann. Sie bestärkte Kohl mehrmals bei Entscheidungen, die nahezu alle außer ihm für falsch hielten: 1984, an Verteidigungsminister Wörner trotz der Kießling-Affäre fest zu halten; dann, mit Präsident Reagan den Soldatenfriedhof in Bitburg zu besuchen, wo Angehörige der Waffen-SS begraben liegen.

Nicht Kohl hat sich in seinem Wesen geändert, sondern die Einstellung der Umwelt zu ihm. Kohl widerlegt mit seinem Verhalten auch das Vorurteil, er sei ein reiner Machtmensch, der nur mit der schimmernden Wehr seiner Ämter und Würden imponiere. Gleichfalls geirrt haben sich jene, die sicher waren, das Ende der "Ära Kohl" sei gekommen, als er bei der Bundestagswahl 1998 von den Wählern mit Schimpf und Schande davon gejagt wurde.

Der Psychologe Hans-Joachim Maaz aus Halle kommt zu dem Ergebnis, Kohls "Unbelehrbarkeit", seine "Unfähigkeit zum Diskurs" und der "hartnäckige Kampf auf verlorenem Posten" beruhten nicht auf Altersstarrsinn, sondern seien eine besondere Form von Charakterschwäche. Kohl habe schon immer das narzistische Gefühl gebraucht, "Recht zu haben und Recht zu behalten", um seinen "emotionalen Haushalt" zu regulieren.

Die Neigung, die eigene Wertskala über die gesellschaftlichen Normen zu stellen, lässt sich bis in die Jugend zurückverfolgen. Sie bildete sich angesichts der allgemeinen Desorientierung, in der er und andere Angehörige des "weißen Jahrgangs" der 1930 geborenen aufwuchsen. Diese Generation geriet in den Kriegs- und Nachkriegsjahren in eine Grauzone zwischen den Fronten. Als Kohl mit 16 Jahren der Unmündigkeit entwuchs, bewegte sich das öffentliche Leben zwischen dem französischen Besatzungsrecht und der deutschen Rechtsprechung: das eine war noch nicht ganz aufgehoben, das andere noch nicht vollends in Kraft.

Er bemerkte bald, dass seine Altersgenossen nach neuen Führungspersonen verlangten. Der "Übervater"-Hitler hatte ihnen die Väter geraubt. Kohls Biografie weist aus, dass er auf dem Schulhof, wo er, wie sein einstiger Mitarbeiter und Schulkamerad Waldemar Schreckenberger feststellte, "als Anführer von Jugendbanden" auftrat, und im Klassenzimmer, wo er nahezu unumschränkt herrschte, fähig war, Autorität auszuüben. Er besaß die Ausstrahlung, die man Charisma nennt.

Genau betrachtet, hörte der früh Vollendete mit dem Abgang von der Schule auf, sich psychisch und emotional weiter zu entwickeln. Mit 18 Jahren war er mit dem Mädchen Hannelore verlobt. Der Berufswunsch stand ebenfalls fest: Er wollte der "erste Mann im Lande" werden. Nach dem Schulabschluss legte Kohl nur noch an Erfahrung und der Fähigkeit zu, mit ihr umzugehen. Dabei verhielt er sich wie der Oskar Matzerath in der "Blechtrommel" von Günter Grass: Er weigerte sich, weiter zu wachsen. Während seine äußere Gestalt immer voluminöser wurde, blieb er innerlich der trotzige Wurzelzwerg, der er in der Kindheit war. Und wie das Oskarchen, das Glas zersingt, wenn ihm jemand sein Spielzeug und Kommunikationsmittel, die Blechtrommel, wegnehmen will, bekam Kohl den bösen Blick, wenn ihm jemand die Macht streitig machte. Alles duldete er neben sich, nur keine Rivalen.

Er war intelligent genug, seine Defizite zu erkennen und sie zu kompensieren. So lernte er, sich in einer CDU zu behaupten, in der nur das große Geld Einfluss sicherte. Da er es nicht besaß, holte er es sich von der Industrie. Und er lernte, Gruppen zu organisieren, deren Mitglieder sich gegenseitig halfen, um voran zu kommen, aber auch, sich zu bespitzeln, damit keiner schneller nach vorn kam als der andere.

Klaus Dreher (70), freier Publizist, war lange Jahre politischer Korrespondent. 1998 erschien seine Biografie "Helmut Kohl: Leben mit Macht".

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