Politik : Die Karte des Nazi-Jägers

Sie war ein Produkt des Kalten Krieges – vor 43 Jahren gab es schon einmal Streit um die NS-Vergangenheit deutscher Diplomaten

Victor Grossman

Berlin - Mit dem Streit um die Gedenkpraxis im Auswärtigen Amt geht es wieder um ein Stück deutscher Selbstbefragung: Wie sollen die Bundesministerien mit Nachrufen auf verstorbene Mitarbeiter umgehen, die eine NS-Vergangenheit aufweisen? Die aktuelle Debatte hat im Außenamt ihren Ursprung – dabei ist es aber keineswegs das erste Mal, dass die Vergangenheit deutscher Diplomaten ins Blickfeld einer öffentlichen Debatte gerät. Mitten im Kalten Krieg gab es nämlich schon einmal einen kuriosen Streit um eine Weltkarte, die mitsamt Kurzbiographien umstrittener Diplomaten am 19. Januar 1962 im „Democratic German Report“ (Band 11, Nr. 2) erschien.

Die Karte war das Werk eines Engländers namens John Peet, der nach 1945 Reuters-Chefkorrespondent in Wien, Warschau und Berlin geworden war. 1951 ging Peet plötzlich von West- nach Ost-Berlin, wo er bald – gewiss nicht ohne Unterstützung – das Bulletin „Democratic German Report“ gründete. Alle zwei Wochen berichteten die acht Seiten meist freundlich über die DDR, meist unfreundlich über die Bundesrepublik.

Durch Peet, der sein journalistisches Handwerk verstand, bekam das Bulletin zunehmend Einfluss in linken Kreisen des Auslands, auch bei Parlamentariern der Labour-Partei in London, die das Blatt kostenlos erhielten. Peet hatte hauptsächlich Alt-Nazis im Visier, die sich in Bonn und anderswo recht erfolgreich eingerichtet hatten. Anfang des Jahres 1962 ging es in dem Bulletin also um Diplomaten: Auf einer Weltkarte stand in jedem Land, in dem ein Botschafter der Bundesrepublik eingesetzt war, der einmal NSDAP-Mitglied gewesen war, ein – nicht korrekt gezeichnetes – Hakenkreuz. Zahlreiche Zeitungen druckten die Karte nach – unter anderem „Evening Standard“, „Tribune“ und „Jewish Observer“ in England, „Dagbladet“ in Schweden und „Hamischmar“ in Israel. Zitiert und kommentiert wurden auch die knappen biographischen Notizen, meist mit NSDAP-Mitgliedsnummer und einigen Zitaten. So hatte aus Brüssel Werner von Bargen berichtet: „Insgesamt 52000 bis 55000 Juden können in Belgien gelebt haben, einschließlich nicht registrierter Kinder. Davon sind schon 15000 Männer, Frauen und Kinder nach dem Osten transportiert worden.“ 1962 war er Botschafter in Bagdad. Insgesamt wurden fast 60 Botschafter belastet.

Die Wut in Bonn war groß, einige Botschafter bekamen Schwierigkeiten mit den Gastländern. Was tun? Die Antwort war ein langes Schweigen der Medien. Nur „Der Spiegel“ druckte die Karte nach, was Herausgeber Rudolf Augstein viel Prügel einbrachte. Die Zeitung „Christ und Welt“ warf ihm vor, „kommunistisches Propagandamaterial“ verbreitet zu haben. „Jeder der ,Democratic German Report’ kennt, weiß, dass es ein Organ des kommunistischen Bürgerkriegs in Deutschland“ sei, hieß es in der Zeitung. Peet bemerkte, dass „Christ und Welt“ mit keinem Wort den Fakten widersprach. Peet und sein Blatt sind längst verstorben. Doch nach mehr als 40 Jahren lebt der Streit wieder auf.

Der Autor gehörte zum Redaktionsteam des „Democratic German Report“.

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