• Die katholische Kirche steht vor einer Zerreißprobe um die Schwangeren-Beratung - deutsche Bischöfe treffen den Papst

Politik : Die katholische Kirche steht vor einer Zerreißprobe um die Schwangeren-Beratung - deutsche Bischöfe treffen den Papst

Nach einem Treffen mehrerer deutscher Bischöfe mit dem Papst steht ein Kraftakt in der katholischen Kirche um die Schwangeren-Beratung bevor. Bei dem mehrstündigen Gespräch am Mittwoch im italienischen Castel Gandolfo sollten die Weichen gestellt werden, ob die katholische Kirche im staatlichen Beratungssystem bleiben kann oder ausscheiden muss. Der erneut entflammte Streit überschattet die am Montag beginnende Herbsttagung der Bischofskonferenz in Fulda.

Zugleich geriet der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Karl Lehmann, unter Druck, der sich im Juni für die umstrittene "Schein-Lösung" bei der Schwangerenkonfliktberatung stark gemacht hatte. Bei der Herbsttagung steht die Wiederwahl Lehmanns an, der seit dem 22. September 1987 an der Spitze des Gremium steht. Bei der fünftägigen Tagung werde das Streitthema Schwangeren-Beratung wieder auf den Tisch kommen, hieß es.

Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD) rief die Kirche auf, ihren Streit schnellstens beizulegen und nicht aus der Beratung auszusteigen. Die erneute Diskussion sei eine "unerträgliche Verunsicherung" für die Schwangeren. Ähnlich äußerten sich auch kirchliche Verbände.

Über den Inhalt der Gespräche mit der Vatikanspitze wurde zunächst nichts bekannt. Lehmann und die Kardinäle Joachim Meisner (Köln), Friedrich Wetter (München) sowie Georg Sterzinsky (Berlin) waren zunächst mit dem Vorsitzenden der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, und Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano zusammengetroffen. Danach gab es ein gemeinsames Mittagessen mit dem Papst in dessen Ferienresidenz Castel Gandolfo bei Rom. Initiator des Blitzbesuches in Italien soll Meisner gewesen sein.

Im Kern ging es dabei um die Frage, ob der Vatikan die von den deutschen Bischöfen im Juni gefundene Kompromissformel über die Beratung von Frauen im Schwangerschaftskonflikt billigt oder nicht. Dem Vernehmen nach verabredeten die Gesprächsteilnehmer Stillschweigen. Es hieß, der Vatikan wolle zu einem späteren Zeitpunkt dazu eine Erklärung verbreiten.

In Vatikankreisen wird überwiegend mit einer Ablehnung der Kompromissformel gerechnet. Dies wäre auch ein "erheblicher Schlag" gegen Lehmann, hieß es. Lehmann selbst sagte vor der Herbsttagung Interviews ab. Papst Johannes Paul II. und vor allem der einflussreiche Ratzinger gelten als kompromisslose Abtreibungsgegner. Sie beharren darauf, dass sich die Kirche auf keinen Fall an einem Beratungssystem beteiligen darf, das zu einer Abtreibung führen könnte.

Der neuerliche Streit war durch Kritik des konservativen Fuldaer Kardinals Johannes Dyba entbrannt. Dyba, der am Dienstag seinen 70. Geburtstag feierte, hatte Berichte, dass der Papst ein solches Vorgehen billige, als "ferngesteuerte Sommerente" bezeichnet. Es sei unvorstellbar, dass es deutsche Bischöfe gebe, die die Solidarität mit dem Papst der Solidarität mit dem deutschen Abtreibungssystem unterordneten. Beratungsscheine seien "Tötungslizenzen". In seiner Diözese werden bereits seit mehreren Jahren keine Beratungsscheine mehr ausgestellt.

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