Politik : Die Keulenträger

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+Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Über die Entstehung des Kommissionswesens gibt es verschiedene Theorien. Die einleuchtendste führt zurück in die Vor- und Frühgeschichte der Menschheit. Anfangs, als unsere Vorfahren noch in Kleinfamilien die Tundra durchstreiften, stellte sich das Problem nicht. Doch schon die Entstehung größerer Neandertalerhorden ließ es zweckdienlich erscheinen, dass einer zum Großen Chef ernannt wurde. Da der Große Chef als erster vom Mammut nehmen durfte, war der Job begehrt. Die Demokratie war noch nicht erfunden. Also mussten die Anwärter die Sache ausfechten.

Leider führte diese Methode des Wahlkampfs auf Keulenart dazu, dass der Große Chef meist schon mit einem mittleren Dachschaden ins Amt kam. Bei der Mammutjagd fiel das nicht weiter auf. Bei der Lösung größerer intellektueller Probleme („Wie kriegen wir Licht in die Wohnhöhle?“) kam vom Großen Chef aber nur wenig hilfreiches Gemurmel. Das war die Geburtsstunde der Kommission: Eine Runde unter Leitung eines Vorübergehenden Vorsitzenden, der sagt, wo’s langgeht, aber dem Großen Chef ansonsten keine Konkurrenz macht.

Ob es schon damals üblich war, zum Vorübergehenden Vorsitzenden einen aus der Gruppe der Chef-Kritiker zu bestimmen, ist nicht überliefert. Heute ist das gang und gäbe. Wir erinnern uns: Die Weizsäcker-Kommission, die Süssmuth-Kommission, noch eine Weizsäcker-Kommission… Aber das war erst der Anfang! Seit dem 22. September ist das Angebot potenzieller Vorübergehender Vorsitzender nämlich stark angeschwollen: Wie also wäre es mit der Ständigen Späth-Kommission für Gewaltiges Wachstum beim Bundeswirtschaftsminister? Dem Rühe-Rat zur Neuordnung des Katastrophenschutzes (unter besonderer Berücksichtigung des Technischen Hilfswerks)? Dem Merz-Ausschuss zur Evaluierung der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung? Wenn Edmund Stoiber erst in Washington bei George Bush die Dinge wieder ins Lot gebracht hat, wird er dann Sonderbeauftragter für die Deutsch-Amerikanischen Beziehungen? Ach ja: Möllemann hat demnächst auch Zeit. Robert Birnbaum

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