Politik : Die KFOR kann mit miltärischen Mitteln keinen Rechtsstaat schaffen

Claudia Lepping

Wie auf dem Hochsitz verfolgen die fünf Albaner auf dem Hügel, was sich dort unten auf der Hauptstraße abspielt. Sie rauchen, reden, ab und an verfolgt einer etwas durch sein Fernglas. Ein anderer trägt stolz sein Trikot zur Schau, mit dem Staatswappen Albaniens, dem schwarzen Adler mit den nach rechts und links ausweichenden Köpfen auf feuerrotem Grund - jenem unsterblichen Symbol eines Großalbanien mit Kosovo und den albanisch besiedelten Gebieten aller Anrainer Albaniens. Ob Kontrolle oder Anschauungsunterricht, die deutschen KFOR-Soldaten, die an diesem Straßen-Checkpoint zwischen Prizren und Pristina selbst ununterbrochen unter Beobachtung stehen, geben sich gelassen. Um sie herum zwei Panzer, eine Funkstation unterm Tarnnetz und das mobile Chemie-WC in Reichweite. Die langsam herannahenden Fahrzeuge werden inspiziert, ein Blick ins Wageninnere und den Kofferraum. Routine.

Das erste Kontingent der Deutschen ist längst wieder daheim, die Neuen werden bis zur Winterkälte im Dezember ausharren müssen. Mindestens, sagt ein hochdekorierter KFOR-Soldat hinter vorgehaltener Hand. Routine anscheinend auch im Hauptquartier, wo sich die Bundeswehr ein altes Fabrikgelände zur ständigen Vertretung in der Provinz Kosovo hergerichtet hat. Doch was heißt Routine, wenn die Aggression zwischen Albanern und Serben allmählich übergreift auf die KFOR-Truppen? "Aus den Opfern von Vertreibung und Gewalt sind viele Täter geworden", lässt sich ein KFOR-Soldat entlocken, "das fühlt sich schwierig an". Mehr will er dazu nicht sagen, "offiziell", schiebt er nach, "offiziell ist das Verhältnis zwischen Albanern und der deutschen KFOR gut". Obgleich die KFOR nicht in allen Dörfern Patrouillen einsetzen könne, in denen "das subjektive Gefühl der Angst herrscht", habe sie das Maß an tatsächlicher Gewalt einschränken können, heißt es aus dem Pressestab der KFOR in Pristina - mit der Folge, dass die Schutztruppe selbst zunehmend zur Zielscheibe von Aggressionen wird.

Um den Frieden zu sichern, müssen die rund 44 000 internationalen KFOR-Soldaten neben ihrer militärischen Aufgabe viele zivile Dienste übernehmen. Die Bundeswehr hilft im "deutschen Sektor" bei Aufbau und Führung eines Krankenhauses, beim Straßenbau, hat Bauhöfe errichtet, macht Wohnungen winterfest und verteilt Lebensmittel und Mahlzeiten an Bedürftige. Und sie hat Polizeiaufgaben übernommen. Zur Zeit laufen zwar Auswahlverfahren, in dem sich UCK-Anhänger für Jobs bei der neu zu gründenden Polizei qualifizieren können. Von ehemals 2000 organisierten Kämpfern sind etwa die Hälfte entwaffnet. Aber die UCK beansprucht Führungspositionen bei der Polizei, die die KFOR ihnen nicht ohne weiteres zugestehen darf. Das schürt Spannungen, zumal KFOR immer häufiger ausrücken muss, um illegale Waffenlager oder Ausbildungszentren der Untergrundarmee zu räumen. Zuletzt hatte die UCK damit begonnen, heimische Betriebe widerrechtlich an ausländische Firmen zu verkaufen.

Die KFOR als Mädchen für alles also, um das Machtvakuum zu füllen und vor weiteren Zugriffen der UCK zu schützen, bis die Vereinten Nationen (UN) alle Zuständigkeitsbereiche der Verwaltung übernehmen können. Das dauert. Vielen zu lang. "Wir haben Aufgaben der öffentlichen Ordnung übernommen. Das Militär kann nicht die zivilen Strukturen eines demokratischen Rechtsstaates schaffen", sagt der Pressesprecher der deutschen KFOR-Einheit, von der Osten. Dass die KFOR überfordert ist, nimmt er lieber wieder zurück. Brigadegeneral Wolfgang Sauer bringt es in Prizren auf den Punkt: "Die Frage nach demokratischen Strukturen können wir nicht klären, die ist für uns zweitrangig. Wir fragen nach Strukturen, mit denen wir arbeiten können."

Doch unterstützt längst nicht jeder Kosovo-Albaner den Kurs der aufmüpfigen UCK. "Wir haben nicht zehn Jahre passiven Widerstand gegen die Serben geleistet und den Krieg überlebt, um aus der serbischen in die UCK-Diktatur zu fallen", sagt der 40-Jährige Rexhep, der ein Kurzwarengeschäft in Prizren besitzt. Die Regale sind voll dank eines fast schon kolonialen Außenhandels mit der Türkei und Mazedonien. Rexhep wünscht sich von den UN hartes Durchgreifen gegen jede autoritären Gebärden. "In Prizren leben noch ungefähr 300 Serben, im ganzen Kosovo 5000. Dazu kommen 12 000 Serben moslemischen Glaubens. Die Albaner müssen zeigen, dass sie mit Serben friedlich zusammenleben können."

KFOR will sie in die Pflicht nehmen. Regelmäßig trifft sich die Kommission für die Demilitarisierung, für die ein Offizier des KFOR-Oberkommandierenden Jackson Strenge ankündigt: "Es gibt es ganze Reihe möglicher Repressalien gegen die UCK. Aber die werden dann alle sehr unerfreulich."

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